Entspannung

Es fällt mir schwer, mich zu entspannen. Wenn ich mir die zahlreichen Ratgeber und Kurse zu diesem Thema anschaue, scheine ich nicht die Einzige zu sein. Wobei Stress manchmal nur eine Frage der Wahrnehmung ist. Wer gemütlich im Stau sitzt und einmal gründlich in sich gehen könnte, nutzt diese unerwartete Gelegenheit zur Meditation höchst selten, sondern empfindet seine Lage als äußerst misslich, weil er momentan nicht dorthin kann, wo er eben gerade dringend hin will. Warten empfindet beinahe jeder von uns als Höchststrafe. Zeit, in der man etwas besseres mit sich anfangen könnte, verstreicht ungenutzt. Dabei entscheiden wir darüber, wie wir mit Zwangspausen umgehen. Warum steht eigentlich jeder in einem schlechten Licht da, wenn er zu gibt, sich zu langweilen? Wobei völlig außer Acht gelassen wird, dass Momente, in denen die Zeit stillzustehen scheint, der Kreativität enorm förderlich sind. Gerade der Zustand des Nicht-Denkens, bringt die erstaunlichsten Einfälle mit sich. Jeder kennt die Momente, in denen er krampfhaft versucht, auf einen entfallenen Namen zu kommen. Je angestrengter man darüber nachdenkt, desto unwahrscheinlicher die angestrebte Lösung. Dann, wenn man schon nicht mehr daran dachte, ist wie aus dem Nichts der Name wieder präsent! Wie heißt es im Volksmund so schön? »Den Seinen gibt es der Herr im Schlaf!« Und wer kennt nicht den Ausdruck der »schöpferischen Pause«? »Abwarten und Tee trinken«, heißt es, wenn Problemlösungen gefragt sind. Fragt man große Entdecker, wann ihnen denn ihre grandiosen Gedanken kamen, geben sie meist die Zeit zwischen Schlaf und Wachsein an. Es ist der Schwebezustand, in dem sich das Großhirn noch nicht allzu störend ins allgemeine Geschehen einmischt. Oder sie waren durch die Beschäftigung mit Banalitäten vom eigentlichen Problem abgelenkt oder in eine kleine Tagträumerei versunken. Merke: Wenn das Großhirn mit seinem vorgefertigten Bild der Wirklichkeit schweigt, kommt Unerwartetes zutage. Natürlich gibt es auch Hilfsmittel wie Alkohol oder Drogen, um diesen Zustand zu erreichen. Ich möchte nicht wissen, wie viel großartige Kunst wir der Sucht des Künstlers verdanken. Aber da ist es weit besser, sich der gepflegten Langeweile hinzugeben, als sich in ein frühes Grab zu halluzinieren. So gesehen, ist keine Zeit jemals vergeudet und ausgiebiges Nichtstun sollte ein für alle Mal seine negative Bewertung verlieren. Wer sich über Faulheit mokiert, kann nicht beurteilen, ob nicht gerade Großes für die Menschheit entsteht. Damit wäre die ausgiebige Entspannung vom schlechten Gewissen befreit und kann Einzug bei uns halten!

Ferien

Keine Zeit des Jahres, sieht man einmal von den Weihnachtstagen ab, ist emotional so aufgeladen wie der Jahresurlaub. Die Scheidungsrate schnellt nach »der schönsten Zeit des Jahres« in die Höhe, weil nicht perfekt war, was eben perfekt hätte sein müssen. Dabei beinhaltet die Urlaubsreife durchaus eine gewisse Erschöpfung und anstatt den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen, entsteht durch den Zwang, gut drauf sein zu müssen, ein eher kontraproduktiver Druck. Ungeübte Nähe soll unbedingt zum harmonischen Miteinander werden und Interessen, die den Rest des Jahres diametral entgegen gesetzt sind, müssen unter einen Hut gebracht werden. Zwischen Strandliegern und Strandflüchtern muss ein Ausgleich gefunden werden, wobei zähneknirschende Anpassung Urlaubslust in Mordlust verwandeln kann. Lerchen und Nachteulen müssen einen Konsens finden und wenn eine Leseratte auf Hyperaktivität trifft, ist die hohe Schule der Diplomatie gefragt. Im Prinzip sind es die Erwartungen, die himmlische Reiseziele zur Hölle auf Erden machen können. Wenn es denn nicht ganz genau so ist, wie es unbedingt hätte sein sollen, kommt allgemeiner Unmut auf. Und in erzwungener Ruhe fällt einem auf, was sonst an einem vorbei geht. Kinder zeigen mitunter die Auswirkungen eklatanter Erziehungsfehler, sind maulig und langweilen sich trotz grandioser Landschaft zu Tode. Reichhaltige Angebote der Kinderanimation mit Rundumbetreuung beweisen, dass Eltern im Urlaub vor allen Dingen eines wollen, die Brut loswerden. Da »in vino veritas« besonders auf Strandterrassen mit dramatischen Sonnenuntergängen funktioniert, wird gerne zur Sprache gebracht, was wohlweislich nie formuliert wurde, wodurch ein Abend mit einem »Himmel voller Geigen« gründlich vergeigt wird. Hinzu kommt, dass einem, abgesehen vom Durchfall durch ungewohnte Nahrung, dem juckenden Sonnenbrand, dem morgendlichen Kater und dem Ischias durch die fremde Matratze körperliche Missempfindungen plagen, die sonst im Alltagsgeschäft untergehen. Und dann ist da noch die Sache mit dem Sex. Es soll zur Hochform auflaufen, was bislang als Marginalie betrachtet wurde. Da ist so mancher Durchhänger auf beiden Seiten vorprogrammiert. Wenn man dann nach derart ausgiebiger Erholung Zuhause ankommt, denkt man, dass weniger mehr gewesen wäre. Vielleicht denkt man beim nächsten Urlaub vorher daran!

Beistellponys

Da Pferde Herdentiere sind und ungern allein auf der Weide stehen, kaufen Besitzer edlerer Gäule häufig ein billiges Pony, das keinen weiteren Zweck besitzt, als dem hochwertigeren Vertreter seiner Zunft, Gesellschaft zu leisten. Jetzt frage ich mich, ob nicht auch der Mensch stets auf der Suche nach seinem persönlichen Beistellpony ist. Ein stiller Zeuge, Bewunderer und anspruchsloser Gesellschafter. Die Haustierdichte untermauert meine These. Tiere haben nur den Nachteil, dass sie gezwungenermaßen endlos zuhören, aber nie ein beifälliges Wort äußern. Hunde wedeln zwar mit dem Schwanz, was man im weitesten Sinne als Lob auffassen kann. Bei Katzen hört dies schon auf. Wenn sie einem schmeichlerisch um die Beine streichen, denken viele Katzenbesitzer es wäre eine Liebkosung, dabei dient es dem Zwecke, Herrchen oder Frauchen mit dem eigenen Duft zu markieren. Aber ich war ja noch beim Bedürfnis nach menschlichen Beistellponys. Manchen Männern dient die Ehefrau als solches, vielen Chefs die Untergebenen und es kann durchaus sein, dass Hierarchien jeglicher Couleur ihren Ursprung darin haben. Wie groß der Wunsch nach Bewunderern und Zeugen unser bloßen Existenz ist, zeichnet sich in den sozialen Medien erschreckend deutlich ab. Woraus sich demnächst für Philosophen die schwierige Frage ergibt, ob etwas, das nicht gepostet wurde, überhaupt passiert ist. Es scheint, als ob geteilten Ereignissen mehr Realität innewohnt, als still vor sich hin genossenen. Jedes Erlebnis verlangt sofortige Dokumentation, weil wir uns dagegen wehren, dass Augenblicke die unangenehme Eigenschaft der Flüchtigkeit besitzen. Außerdem existiert in unseren Hinterköpfen immer noch das alte Verlangen des: »Mama und Papa, guckt mal, was ich gerade Tolles mache!« Und so erscheint jedes Posting von Banalitäten wie ein verspätetes Echo dieser früheren Aufforderung, weil Mama und Papa eben nicht genug geguckt haben. Da bildet selbst ein Trump keine Ausnahme. Anstatt sich damit zu begnügen, der mächtigste Mann der Welt geworden zu sein, twittert er sich um Kopf und Kragen. Wenn er so weiter macht, wird er sich demnächst hoffentlich um Amt und Würde zwitschern. Aber ich war ja immer noch bei den Beistellponys. Liegt es wirklich in unserer Natur gesehen und beachtet werden zu wollen oder steckt nur ein früh erfahrenes Manko dahinter? Das Konzept des Herdentieres scheint unsere Bestimmung nicht zu sein, denn Herden beschützen einander.

Ehe

Im Wonnemonat Mai wird gerne geheiratet. Da werden dann verschiedene Gelöbnisse wie »bis das der Tod uns scheidet« und »in guten wie in schlechten Zeiten« abgegeben. Die völlig Vermessenen bringen zusätzlich die »ewige Liebe« zur Sprache, dabei dauert die deutsche Ehe, wie ich heute Morgen erfuhr, durchschnittlich 14 Jahre und 18 Monate. Demnach scheint es sich bei den Eheversprechen um reine Phrasen zu handeln. Wie in jeder anderen schwierigen Lebenssituation, in der man sich zwischen Kampf oder Flucht entscheiden kann, herrscht in der Ehe offenbar die Tendenz zur Flucht vor. Um seinen Arbeitsplatz oder seine Karriere kämpft man, denn da geht es schließlich um was. Da winkt ein Lohn, der sich in barer Münze auszahlt, während die Aussicht, die nächsten Jahrzehnte neben der gleichen Person aufzuwachen, keinen rechten Anreiz darstellt. Was mich zu der Frage bringt, worin die Belohnung besteht, wenn man sich »ewig bindet«. Da Liebe nur ein kurzfristiges, hormonelles Durcheinander ist und der »Schmetterlinge im Bauch Effekt« sich schnell verbraucht, muss etwas anderes an diese Stelle treten, wenn »es denn halten soll«. Natürlich gibt es die Junkies, die endlos dem erotischen Kitzel mit Mr. oder Mrs. Perfect hinterherrennen, wie man an den zunehmenden Singlehaushalten und den steigenden Scheidungsraten erkennt, aber, es soll sie noch geben, die dauerhaften Ehen. Fragt man die Biologen, so ist die Monogamie dem Menschen wesensfremd. Erstaunlicherweise den Frauen mehr als den Männern. Ist ja auch sinnvoll, Kinder aus einem stets variierenden Genpool zu bekommen. Fragt man die Psychologen spricht es von einer gewissen Unreife, sich nicht festlegen zu können. Die Theologen braucht man nicht zu fragen, denn deren Antwort steht fest. Mit Gott als Trauzeugen ist einem jeder Fluchtweg verbaut. Aber ich war ja noch beim Geheimnis der dauerhaften Ehe. Hier Gewohnheit und Bequemlichkeit anzuführen, erscheint mir zu banal, denn das degradiert den Partner zum ausgeleierten Lieblingskleidungsstück. Freundschaft lass ich in sofern nicht gelten, als es dann nur gleichgeschlechtliche Paare miteinander aushielten. Halten diese Ehen eigentlich länger? Egal. Ich glaube, es hat eher damit zu tun, dass mit der Abwesenheit des Partners eine Leere entstünde, die von keiner anderen Person jemals in der Art und Weise gefüllt werden könnte, wie es dieser bestimmte Mensch eben tut. Auch wenn es darum geht, dass einen keiner so sehr auf die Palme bringt wie er. Es hat mit Erregung zu tun, im positiven wie im negativen Sinne. Wenn An- oder Abwesenheit des Gegenübers als gleichermaßen neutral empfunden werden, dann sollte man es bleiben lassen und spätestens nach 14 Jahren und 8 Monaten seine Koffer packen.

NRW

Wozu Männer manchmal gut sind! Mein Gatte gab mir heute morgen einen guten Tipp für meinen Blog. Im Morgenmagazin wurde an einem typischen Ruhrpottkiosk ein Mann zu den Wahlergebnissen in NRW befragt. Klare Antwort: »Na die Leute hier fühlen sich verarscht und drum hamse gewählt, wie se eben gewählt haben!« Woraufhin meine bessere Hälfte bemerkte, dass er eine derart klare und eindeutige Wahldiagnose noch von keinem hochbezahlten Wahlanalytiker vernahm. Ich kann nur sagen: »Wo se recht ham, hamse recht«, sowohl mein Angetrauter als auch der Kioskmann. Studierte Politikwissenschaftler aller Couleur geben sich bei den Fernsehsendern die Klinke förmlich in die Hand, dabei reicht es völlig aus, sich mitten in NRW auf die Straße zu stellen und einem X-beliebigen das Mikrofon hinzuhalten. SPD, Linke und Grüne wollen jetzt die Wahlschlappen gründlich analysieren und ich kann mir denken, dass da kostenintensiv irgendwelche großkopferten Hochstudierten zu Rate gezogen werden. Bis ins kleinste Detail wird mit Fachleuten recherchiert und diskutiert, woran es denn gelegen haben könnte. Auf die simpelsten Lösungen, wie die, dass die Menschen sich regelrecht verarscht fühlen, kommt man nicht, weil man nicht darauf kommen will. Denn dann müsste man ja einmal gewaltig in sich gehen und einsehen, dass ein Wort, dem keine Tat folgt, auch vom einfachsten Gemüt als bloße Phrase erkannt wird. Und wer als Sonnenblume verkleidet, waffelbackenderweise – wie bei den Grünen geschehen – Wahlkampf betreibt, kann nicht wirklich davon ausgehen, ernst genommen zu werden. Politiker wollen uns glauben machen, dass die Wirklichkeit, die wir täglich erleben, rein statistisch gesehen, nur eine gefühlte ist. Wenn man sich andauernd anhören muss, Deutschland ginge es so gut wie nie zuvor in seiner Geschichte, dann fragt man sich doch, wer ist mit diesem Deutschland gemeint? Und Menschen, die sich nicht gemeint fühlen (!), verteilen bei Wahlen gerne einmal Denkzettel. Da hilft auch das idiotische NRWir nicht! Was lässt sich die CDU für die Bundestagswahl einfallen? Ein CDUns? Aber ich war ja noch bei meinem Kioskmann. Marode Straßen fühlt man nicht, die sieht man! Und Lehrer, die ob der desaströsen Verhältnisse von Therapie zu Therapie laufen, mögen sich zwar inkompetent fühlen, aber real sind nicht sie, sondern das Schulsystem ist gescheitert. In Berlin – wo auch sonst – gibt es jetzt ein Schulkonzept, das darauf beruht, dass Schüler entscheiden, wann, wo und wie gelernt wird, und ob sie überhaupt Bock darauf haben. Da lässt man natürlich kein Kind zurück, aber was wäre die Konsequenz? Einzelunterricht für alle? Wie Helmut Schmidt schon richtig bemerkte: »Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!« Und solange Martin Schulz mit nichts als Visionen aufwartet, sehe ich für die nächste Wahl schwarz (!).

Trumpismus

Einstein bemerkte, dass es absurd ist, immer wieder das Gleiche zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten. Mir ist es passiert. Wenn man gerne einen Charakter wie Donald Trump hätte, muss man sich arg vergewaltigen, um eine Mutter Theresa zu mimen. Aber jetzt einmal ehrlich! Die Häme und die Empörung, die sich über den amerikanischen Präsidenten ergießen, entstammen zum großen Teil reinem Neid. Ich freue mich jedenfalls tierisch, wenn der Egomane im weißen Haus einmal mehr gründlich daneben greift. Ich wünsche mir seinen Untergang herbei, wie ich mir selten etwas wünschte und das Bild, wie er und sein gesamter Clan ewig in der Hölle schmoren, bereitet mir ein besonderes Vergnügen. Ich bin zerfressen vor Neid! Weil ich nicht kann und darf, was er sich unentwegt herausnimmt, ohne dass ihn moralisch-ethische Skrupel plagen. Er arbeitet noch nicht einmal mit gerissenen Finten, nein, seine verlogener Narzissmus ist so plump-offensichtlich, dass es schon weh tut. Und er kommt damit durch! Mich plagt bereits das schlechte Gewissen, wenn ich meinen Mitmenschen rein gedanklich den Marsch blase! Es ist diese Hochmut kommt vor dem Fall Geschichte, die mir in den Knochen steckt. Dabei scheint es so zu sein, dass derjenige, der sich für das Wichtigste auf der Welt hält, auch von den anderen dementsprechend behandelt wird. Wenn unsereins sich so verhielte, landete er bestenfalls als Penner unter der Brücke und könnte dem Fluss von seinem Größenwahn predigen. Wahrscheinlicher ist, dass sich die Türen der Psychiatrie endgültig hinter einem schlössen. Wer den Wolf unter den Haushunden gibt, muss schon schwer reich sein, damit kein Aufstand der Domestizierten entsteht. Denn mit den entsprechenden Finanzen im Rücken bleibt es beim kriecherisch-feigen Knurren, ohne dass jemals zugebissen wird. Oh wie gerne wäre ich Trump oder mindestens Ivanka, damit ich die Puppen endlich einmal gründlich nach meiner Pfeife tanzen lassen könnte! Ich glaube kaum, dass die First-daughter mit dem Märchen von dem Fischer und seiner Frau groß wurde! Lebt es sich nicht viel angenehmer, wenn man best-gehasst statt best-geliebt ist? Einmal ungehemmt dem Trumpismus frönen, wäre dies nicht der Himmel auf Erden? Zur allgemeinen Beruhigung könnte ich jetzt noch hinzufügen, dass solcherlei ein böses Ende nimmt. Dieser Exkurs bräuchte zur allgemeinen und zu meiner Beruhigung eine abschließende Moral, die davon überzeugt, dass es besser ist, ein Hund statt ein Wolf zu sein. Leider, leider sieht es so aus, als würden letztendlich die Wölfe übrig bleiben. Bleibt nur die trügerische Hoffnung, dass sie sich am Ende gegenseitig zerfleischen!

Iss was du willst

Heute ist der »Iss was du willst Tag«. Zunächst sollten wir eine kleine Schweigeminute der Dankbarkeit dafür einlegen, dass uns so ein Tag überhaupt vergönnt ist. Mancher könnte die Bezeichnung dieses Tag im Angesicht der Hungerkatastrophen in Afrika als reichlich zynisch empfinden. Wie dem auch sei. Wir Europäer – mit Einschränkung derer, die es sich einfach nicht leisten können – stehen somit vor schwerwiegenden Entscheidungen. Zunächst muss die Frage geklärt werden, was man denn genau essen will, denn den Meisten von uns ist die Fähigkeit abhandengekommen, einfach mal den eigenen Körper zu fragen. Da dessen Antwort oftmals darin besteht, dass er keinen Grund für eine Nahrungsaufnahme sieht, wird er gerne überhört. Wer geht schon im Angesicht verführerischer Speisen in sich und ermittelt, ob akuter Kalorienbedarf besteht? Essen ist bei weitem keine reine Energiezufuhr mehr. Es steht für Vieles von purer Langeweile über Trost über Geselligkeit über reine Nebenbei-Beschäftigung, bis hin zum irrsinnigen Glauben, sich damit endlich einmal etwas Gutes zu tun, denn »man gönnt sich ja sonst nichts«. Und da Liebe sprichwörtlich durch den Magen geht, scheinen sich große Teile der deutschen Bevölkerung entsetzlich lieb zu haben. Sie lieben sich, jetzt wieder sprichwörtlich, zu Tode, wovon Internisten, Ernährungsratgeber und Bestattungsinstitute gut leben können. Deswegen wäre ein »Iss was du brauchst Tag« weit angemessener. Funktioniert beim Auto doch auch! Keiner käme auf die Idee, einen vollen Tank noch weiter befüllen zu wollen! Ganze Industrien schwänden zusammen mit unnötigen Kilos dahin, wenn jeder nur äße, was er bräuchte. Man sieht am dreifachen Konjunktiv, dass ich mich ins Terrain der Utopie bewege. Aber ich will den Faden trotzdem ein wenig weiter spinnen. Dauernd höre ich, dass eine Erde nicht ausreicht, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Da geht dem Schlemmer am drei Sterne Restaurant Tisch der fette Hintern schon reichlich auf Grundeis! Es ist mir nicht einsichtig, dass nicht für jeden genügend Fett, Eiweiß, Kohlehydrate, Vitamine und Spurenelemente auf diesem Planeten vorhanden sind. Zur Not gepresst als Würfel oder in Pulverform zum Einrühren einmal am Tag, was mir sowieso die liebste Ernährungsform wäre, denn dann hätte man den Kopf frei für wichtigere Dinge! Sollten wir nicht mehr sein als Tiere, deren Tageszweck die Nahrungsaufnahme ist? Keiner käme auf den Einfall dies auch noch Kultur zu nennen! Und wenn ich bedenke, dass mir dann Sendungen wie das »Perfekte Dinner« und die unzähligen Kochshows erspart blieben, kann ich mir eine schönere neue Welt kaum vorstellen!

Wildwuchs

Mir schmerzt der Rücken von einer Aktion, deren tieferer Sinn sich mir bei nachträglicher Betrachtung entzieht. Ich schuftete im Garten und entfernte dort Rabatten, die ich für Unkraut hielt, um an deren Stelle Rabatten zu pflanzen, die ich käuflich erwarb. Riss wilde Disteln aus und setzte dafür Zierdisteln. Grünes samtiges in allen Farbschattierungen schimmerndes Moos wurde durch stachlig einheitsgrünen Rasen ersetzt. Was sich in bewunderns- und nachahmungswertem Lebensdrang durch die Pflastersteine ans Licht der Sonne quälte, rupfte, stach und brannte ich nieder. Weil man das eben in Deutschland so macht! Hier ist selbst der Garten Regeln unterworfen. Hier steht Akkuratesse gegen Wildwuchs! Hier wird in den Innenstädten »wildes Trinken« untersagt, weil es das Auge des ordentlichen Bürgers stört. Und das Auge des ordentlichen Bürgers stört so manches. Jetzt kann man sogar per App melden, wo sich störender Unrat ansammelt. Und Alkis, die die Frechheit besitzen, sich auf Bänken in der Innenstadt in geselliger Runde zu betrinken, scheinen in diese Rubrik zu fallen. Ich bin ja schon reichlich überrascht, dass mir noch keiner dieser Ordnungshüter die Zigarette aus der Hand schlug, wenn ich rauchenderweise unterwegs bin. Aber das kommt sicher auch noch! Letztens saß ich rauchend auf einer Bank, als sich eine Passantin zu mir setzte und mich bat, dies zu unterlassen, weil sie gerade dabei wäre, sich das Rauchen abzugewöhnen. Blöd wie ich bin, drückte ich meine Kippe aus und musste mir einen ellenlangen Vortrag über die Nachteile des Nikotinkonsums anhören. Schließlich schlug ich der frischgebackenen Abstinenzlerin vor, mich auf eine andere Bank zu setzen, um dort meinem Laster zu frönen. Ich war kaum dort angekommen, da erhob sich die Neo-Fanatikerin, da ihr anscheinend das willige Publikum ausgegangen war, und ging ihrer Wege. Wahrscheinlich auf der Suche nach einem anderen Raucher, der die Frechheit besitzt, seine Zigarette im Sitzen zu genießen. Das ging ja noch! Einer Freundin von mir passierte es, als sie auf einer Parkbank rauchte, dass eine Mutter mit Kind vorbei kam, die nichts Besseres zu tun hatte, als ihr den Inhalt einer mitgebrachten Wasserflasche über den Kopf zu schütten! Bin mal gespannt, wie viel menschliches Unkraut der ordentliche Bürger noch ausmacht. Aber ich war ja noch bei meinem Garten. Hier ist eindeutig, auch mit Rücksichtnahme auf meinen Rücken, eine Revision angebracht. Unkraut ist das, was ich dazu erkläre! Was soll schon passieren, wenn ich allem, was von sich aus wächst und gedeiht, erlaube seinem natürlichen Drang zu folgen? Mehr als ein nachbarliches Kopfschütteln bringt dies nicht ein.

Der Tag der verlorenen Socke

Normalerweise glaube ich weder an Paralleluniversen noch an Wurmlöcher. Nur in Bezug auf Sockenpaare gerät meine Überzeugung ins Wanken. Wenn man den Masseverlust einer Socke in der Waschmaschine nach Einsteins berühmter Formel E gleich m mal c zum Quadrat berechnet, so beträgt er zehn hoch minus fünfzehn, woraus folgt, dass die Socke immer noch vorhanden sein muss. Entlade ich aber nach der Wäsche in meine Waschmaschine, erhalte ich mindestens drei Socken, deren Partner auf unerfindliche Weise verschwunden sind. Was natürlich die These der Paralleluniversen, die durch Wurmlöcher in Verbindung stehen, stützt. Mehrere dieser Löcher befinden sich demnach in meiner Waschmaschine und deren Anzahl scheint sich zu erhöhen, wenn meine Töchter Zuhause sind und ihre Wäsche von mir waschen lassen. Beide schwören, die Socken paarweise in den Wäschekorb befördert zu haben, sodass reine Schludrigkeit als Ursache des seltsamen Phänomens entfällt. Socken verschwinden nicht nur in Paralleluniversen, nein, sie tauchen auch wieder daraus hervor. Ein Experiment, das ich unlängst durchführte, beweist dies. Ich gab die aneinandergeheftete definierte Menge n von Socken in die Waschmaschine und erhielt nach dem Waschgang die Menge n plus eins! Die Menge der Einzelsocken in dem dafür vorgesehenen Karton steigt stetig und ist keine direkte Funktion zur Anzahl der Waschgänge, wie eine von mir angelegte Graphik ergab. Nun wollte ich es genau wissen. Ich gab alle vorhandenen Einzelsocken in die Maschine. Wenn meine Wurmlochtheorie stimmte, müsste ich mindestens ein komplettes Paar herausbekommen. Ich holte mir einen Stuhl und etwas zu lesen in den Keller, denn ich wollte die Maschine während des Experimentes nicht allein lassen. Der von mir gewählte Waschgang nahm neunzig Minuten in Anspruch. Mein Mann wunderte sich zwar über mein Verschwinden und rief mehrere Male zu mir herunter, was zum Henker ich denn so lange im Keller trieb. Meine Antwort, dass es um Grundlagen der Astrophysik ginge, schien ihn nicht recht zu befriedigen. Wie dem auch sei, ich erhielt zwei Sockenpaare. Ich überlegte, dass wenn ich diesen Vorgang endlos wiederholte, zu jeder Einzelsocke irgendwann das Pendant aus dem Paralleluniversum auftauchen müsste. Ich hatte quasi den Nobelpreis für Physik vor Augen! Da aber nicht damit zu rechnen war, dass mein Gatte einen Umzug meinerseits in den Keller tolerieren würde, gab ich dieses Forschungsprojekt auf. Was einmal beweist, dass sich deswegen selten Frauen unter den Preisträgern in Stockholm befinden, weil die Männer sie behindern!

Der große Wurf

Das Leben besteht aus Kleinigkeiten. Banale Dinge müssen Tag für Tag erledigt werden. Oft ist der Tag vorbei und wir fragen uns, was wir, obwohl unentwegt beschäftigt, im Grunde genommen leisteten. Wo ist das Ergebnis dieses Tages, für das uns die Nachwelt dermaleinst ein Denkmal setzen wird? Und so reiht sich Tag für Tag aneinander, ohne dass wir die Welt aus den Angeln hoben. Aus den Tagen werden Monate, werden Jahre und plötzlich ist es da, das Ende des Lebens. Dass die meisten von uns äußerst ungern sterben, liegt daran, dass das imaginierte Ziel des eigenen Daseins bis kurz vor Torschluss nicht erreicht wurde, ohne genau benennen zu können, worin es überhaupt bestand. Was ist überhaupt das Ziel des Lebens? Je nachdem, wen man fragt, bekommt man unterschiedliche Antworten. Für den Biologen ist die Sache mit der Weitergabe der Gene erledigt, während Philosophen noch immer nicht davon ablassen können, außer einem Ziel darüber hinaus auch noch einen Sinn zu suchen. Dabei beschäftigen wir uns nur mit Sinn und Ziel des Lebens, wenn es um unser eigenes geht. Wir bemühen sogar einen Gott oder das Universum, um uns hervor zu heben, als hätten Physik und Chemie nicht anderes zu tun, als sich ausgerechnet um unsere Belange zu kümmern. Mal ehrlich! Hat sich von uns schon jemals jemand gefragt, welchen Sinn und welches Ziel das Leben eines ertrunkenen Flüchtlings im Mittelmeer hatte? Welche Hirngespinste machen ausgerechnet uns so besonders? Dabei ist es nur eine Frage des Zufalls, wo, wann und ob wir überhaupt geboren werden. Wer sich als besonders empfindet, ohne in seinen Augen Besonderes zustande gebracht zu haben, bringt vor allen Dingen eines in die Welt – Unruhe. So sind alle bislang stattgefundenen und noch bestehenden Kriege diesen äußerst besonderen Unruhegeistern zu verdanken. Jede Krise kann wie bei einer Infektionskrankheit zu Patient 0, dem Ausgangsherd, zu dem Idioten zurückgeführt werden, der sich aus welchem Grund auch immer berufen fühlte, Großes zu leisten. Großes für sich und nicht für die Menschheit, wohl gemerkt. Und wenn so ein Psychopath über mitreißenden redegewaltigen Charme verfügt, dann nimmt er uns mit in den Untergang. Hinter jedem Heilsversprechen steht vor allen Dingen eines: Geltungsdrang. Das sich nicht damit abfinden wollen, dass das Leben nichts anderes ist, als eine Abfolge von Kleinigkeiten und Sinn und Zweck des Lebens eben nur darin besteht zu leben, ohne Schaden bei seinen Mitmenschen anzurichten. Das ist schon schwer genug und keine Kleinigkeit.