Gleichmut

Manchmal neige ich dazu, komplett auszurasten. Als mich letzte Woche eine Banalität, die außerdem nicht rückgängig gemacht werden konnte, in einen ungeplanten Wutausbruch versetzte, der außer einem Alarmzustand meines Körpers keine weiteren Effekte mit sich brachte, stellte ich – endlich wieder zur Ruhe gekommen- eine einfache Rechnung auf. Ich bin jetzt 58 Jahre alt, habe bei meinem Zigarettenkonsum vielleicht noch 20 Jahre zu leben. Da man von der Jugend nur unter siebzig noch einigermaßen für geistig kompetent gehalten wird, stehen mir dann neun Jahre ausgeprägter Narrenfreiheit ins Haus. Worüber, lautet die Frage rege ich mich da noch auf? Dank meines Mannes werde ich auch am Ende dieser 20 Jahre genug zu essen, zu trinken und zu rauchen haben. Obdachlos werde ich wohl auch nicht und aus teurer Garderobe und erlesenen Schmuckbeständen machte ich mir noch nie was. Warum werfe ich nicht, wie einstmals »Hans im Glück«, alles über Bord, was mich zwar belastet, aber ohnehin nicht zu ändern ist. Meine Großmutter pflegte Unerreichbares mit den Worten, da kannst du dich auf den Kopf stellen und mit den Beinen Hurra schreien, es geht nicht immer und überall deiner Nase nach, zu umschreiben. Trotzdem versucht man zeit seines Lebens, Kamele durch Nadelöhre zu fädeln und wenn es nicht klappt, wirft man sich im übertragenem Sinne auf den Boden und trampelt mit den Beinen, wie ein Kind vor der Quengelware an der Supermarktkasse. Und, so dachte ich mir, jetzt kann ich noch weitere 20 Jahre auf dem Boden liegen und mit den Beinen trampeln und meinen Blutdruck in ungeahnte Höhen treiben; ich kann es aber genauso gut lassen. Das Ergebnis ist identisch: der Einzug in eine heimelige kleine Urne. Das höchste Glück der ollen Griechen war die Ataraxis, die völlige Gleichmut, der absolute Seelenfrieden. Zwar keine Extremschlenker nach oben, aber dafür auch nicht nach unten, rechts oder links! Da man ab einem gewissen Alter auch körperlich etwaigen Turbolenzen nicht mehr gewachsen ist, lässt man sein, was nicht unbedingt muss. Diesbezüglich werde ich dazu übergehen, meinen persönlichen Prüfstand einzurichten, der nur zwei Skalenwerte besitzt: Muss und muss nicht! Irgendwann komme ich dann ähnlich wie das Buch »Einen Scheiß muss ich«, zu dem Schluss, dass mich alle mal können, und zwar gründlich!

Gewohnheit

Manchmal komme ich mir selbst ein wenig schizophren vor. Einerseits gehen mir die Murmeltiertage, an denen ich zur gleichen Zeit immer das Gleiche tue, auf die Nerven. Andererseits geht mir nichts so sehr auf die Nerven, als wenn ein Anrufer, ein Besucher oder, von mir aus eine Naturkatastrophe mein gewohntes Gleis versperrt. Da kann das ganze Sonnensystem aus der Bahn geraten, ich würde ab 12:00 Uhr die ganze Bude durchfeudeln, denn Ordnung und Sauberkeit müssen sein, auch wenn die apokalyptischen Reiter an die Haustür klopfen. Und sollte Gevatter Tod unversehens vor derselben stehen, müsste er sich schon gedulden, bis ich mein Programm abgespult habe. »Noli turbare circulos meos!« »Störe meine Kreise nicht«, wehrte sich schon Archimedes gegen jede äußere Störung. Nun soll es bei ihm um einen mathematisch-geometrischen Beweis gegangen sein, da erscheint das tägliche Aufziehen der Standuhr im Wohnzimmer um exakt 14:00 Uhr zwar banal, ist aber Gewohnheitsbalsam für die Seele. Von Kant ist überliefert, dass die Königsberger Bürger ihre Uhren stellten, wenn er wie das sprichwörtliche Uhrwerk, seinen täglichen Spaziergang antrat. Ob die geflügelten Worte, dass der Mensch ein Gewohnheitstier sei, von ihm stammen, ist mir nicht bekannt, wäre ihm aber zuzutrauen. Was gibt dem Menschen angesichts der Unüberschaubarkeit des Universums Struktur und Sinn? Rituale! Wenn man zwangsneurotisches Verhalten wie meines auf die rituelle Ebene hebt, bekommt die Sache eine ganz andere Bedeutung. Wie ich als Kind nicht auf die Striche im Pflaster trat, um imaginäre Götter günstig zu stimmen, so leiste ich heute meinen Frondienst, um mich in Bezug auf mich selbst günstig zu stimmen. Es muss halt jeden Tag etwas vollbracht werden, damit er nicht als vergeudet erscheint. Die bloße atmende Existenz wird nicht gewürdigt. Das macht ja auch den ersten Urlaubstag so stressig. Ohne Sinn und Verstand und nicht wissend, was mit sich selbst im Angesicht ungewohnter Freiheit anzufangen ist, schleicht sich am zweiten Tag schon eine gewisse Routine ein und man absolviert, was man sich für die »schönsten Tage im Jahr« vorgenommen hat. Manche von uns sind sogar mit einem freien Wochenende hoffnungslos überfordert, oder müsste es unterfordert heißen? Und da der Mensch offensichtlich nur noch an seinen Aufgaben wächst und alles passieren darf, nur kein Stillstand, schau ich nach, was als Nächstes auf meiner Liste steht.

Nikolaus

Der Nikolaus meiner Kindheit war ein Ehrfurcht einflößender Mann. Gekleidet in einer Bischhofsrobe, versehen mit Mitra und goldenem Hirtenstab, umgeben von einer Aura des Heiligmäßigem, fühlte ich mich fast in himmlische Sphären enthoben, wenn er mir mit seiner weiß behandschuhten Hand über den Kopf strich. Jedenfalls war er kein fetter, in ein comicartiges rot-weißes von Disney entworfenes seltsames Gewand gekleideter, halb betrunken »Ho, Ho, Ho« vor sich hingrölender, pausbackiger Zwerg, bei dem man sich wundert, dass er es bei seiner Leibesfülle durch den Kaminschacht schafft, wie uns das »Land der unbegrenzten Möglichkeiten«, schon seit Jahrzehnten weismachen will. Wie ich hörte, hat sich die Filmindustrie der USA nun auch der Weihnachtsgeschichte angenommen, die jetzt aus der Sicht des Esels – man erinnert sich, das Tier, das Maria zum Stall trug – völlig neu und, wie zu Vermuten vor Kitsch triefend, in die Kinos kommt. Die Amis können das! Aus jedem historischen Ereignis eine himmelblaurosarote Farce zu kreieren, das macht ihnen so schnell keiner nach! Und so lebt der Großteil der Amerikaner in einer himmelblaurosaroten Scheinwelt und Europa hat nichts besseres zu tun, als dem nachzueifern. Es gehört schon viel Chuzpe dazu, den Völkermord an den Indianern in eine heroische patriotische Tat umzuwandeln, aber geht nicht, gibt es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht, deswegen heißt es ja so. Und so gruselt es uns nun gehörig zu Halloween – ich glaube, den Iren stehen vor Grauen die Haare zu Berge, was aus ihrem Brauch geworden ist – an Weihnachten wird demnächst die Geburt des Weihnachtsmanns und der Weihnachtselfen, anstatt Christi Geburt gefeiert und, da alles auch irgendwie von der niedlichen Seite aus betrachtet werden kann, schlafen wir des Nachts süß und selig, und nicht einmal die Zahnfee weckt uns aus unseren Träumen von der heilen Welt. Ho, Ho, Ho, möchte man da ausrufen!

Winterexperten

Das Beste am Winter ist für mich, dass es keine Zecken und somit keine Zeckenexperten gibt. Aber dieser Mangellage wurde schnell abgeholfen, denn jetzt kommen sie aus der fahlen Wintersonne: die Winterexperten. So erfuhr ich heute Morgen, dass der allgemeinen Trägheit und Müdigkeit mit fünf Händen voll Obst und Gemüse vorgesorgt werden sollte, wobei ich mich frage, ob es nicht von evolutionärem Vorteil war, im Winter, wenn eben nicht genug Nahrungsmittel vorhanden waren, nicht herumzuhüpfen wie einst im Mai, sondern sich träge auf die faule Haut zu legen, denn bei dem Wetter war und ist, sowieso nichts Sinnvolleres anzustellen. Vielleicht gehören wir als Menschen wie die Eichhörnchen zu den »Winterträgen«, die ihren Stoffwechsel herunterfahren und nur ab und zu halbverschlafen ihre Nüsse knabbern, eine Tätigkeit, der wir in der Vorweihnachtszeit auch gerne mit gebrannten Mandeln nachgehen. Das kann doch kein Zufall sein! Aber ich war ja noch bei den Winterexperten. Wenn ich meine kältexponierten Häute und Schleimhäute ernsthaft mit allem malträtieren wollte, was führende Winterexpertendermatologen empfehlen, wäre ich bis zum Frühjahr in meinem Bad beschäftigt. Auch eine Art, den Winter zu umgehen. Der Steinzeitmensch, der, wie ich mal annehme keine Servietten mit noch so komplizierten Tafelfaltungen kannte, wischte sich seine fettigen Finger flugs eben im Gesicht und an den Unterarmen ab und war ohne größeren Aufwand kältegeschützt. Und wenn dann der zukünftige Steinzeitpapa, nach gebratener Schweineschwarte wohlriechend mit der zukünftigen Steinzeitmama unter die Bärenfelle kroch, war die Geburt des Nachwuchses in der Fülle des kommenden Sommers gewährleistet. Heutzutage wird ja gerne allerhand Wintersport betrieben und jetzt darf geraten werden, welche weit angenehmeren Tätigkeiten damit umgangen werden. Aber ich war ja immer noch bei den Winterexperten und somit bei der passenden atmungsaktiven Outdoorbekleidung. Die braucht eigentlich nur derjenige, der in der Winterträgheitsphase irrigerweise draußen allerhand Fez treiben will, wenn das Klima für gemütlich verdöste Höhlentage, in denen man sich Geschichten erzählt oder sie wahlweise auch liest, wie geschaffen ist. Wer sich dem Klima anpasst, vergeudet nicht nutzlos Nahrungsmittelressourcen! Wenn mir andauernd ob natürlicher Müdigkeit in der Ohren gelegen wird, kann ich nur antworten, dann schlaf doch! Ab 17:00 Uhr ist es eh stockdunkel und demnach Schlafenszeit! Aber, anstatt sich lang zu legen, werden die Ratschläge der Winterexperten befolgt, die dann ums Verrecken aus einem Winter, Frühling und Sommer machen wollen.

Zeitersparnis

Wer auch immer ein Loblied auf die Technik singt, trällert an erster Stelle »Zeitersparnis«! Was so nicht ganz richtig ist, denn der Steinzeitmensch brauchte höchstens vier Stunden zwecks Nahrungsbeschaffung und den Rest der Zeit widmete er sich dem Schlaf, der Wollust und dem Drang Geschichten zu erzählen. Ich hingegen hänge wie jeden Morgen in meinem E-mail-Account fest und kann mich nicht zwischen kostenlosem Wahrsagen, einer Erbschaft am anderen Ende der Welt, einem Preisausschreiben mit exorbitanten Gewinnchancen, einem Zeitschriften Abo und Supersonderangeboten entscheiden. Bei Facebook und Twitter war ich auch noch nicht, dabei ist es kaum wahrscheinlich, dass die Welt sich weiter dreht, wenn ich meinen Senf nicht dazu poste. Ach und Nachrichten habe ich auch noch nicht geschaut, aber da gibt es ja eine vierundzwanzig Stunden rundum Versorgung, damit mir kein Elend dieser Welt am Ar … vorbei geht, es aber ehrlich gesagt tut. Da wären wir wieder in der Steinzeit gelandet. Gegenseitiges Interesse gab es nur innerhalb der eigenen Horde und aus der Ferne eintreffende Nachrichten hatten in etwa den gleichen Effekt wie der berühmte Sack Reis in China. Heutzutage kann dieses Ereignis ein Erdbeben an den Börsen verursachen, also müssen wir so tun, als hätten wir alle Ursachen und deren Folgen im Griff, haben wir aber nicht! Ob Dax, Dow Jones, oder Nikkei, wenn der Steinzeitmensch mit Knochen um sich warf, um die Zukunft zu lesen, der Effekt ist der gleiche. Jetzt habe ich mir doch glatt eine geschlagene Stunde Sorgen um meine Aktien gemacht, bis mir auffiel, dass ich gar keine besitze. Und was ist mit dem Goldpreis? Den habe ich gerade völlig aus den Augen verloren, aber Google sei Dank, komme ich über den Goldpreis zu Goldzähnen und von dort zu Goldketten und erfahre, dass die goldene Hochzeit nach fünfzig Jahren Ehe gefeiert wird. Diesbezüglich haben mein Gatte und ich noch ein wenig Zeit. Aber, man könnte sich schon einmal über die für dieses Ereignis erforderliche Garderobe informieren und da passiert es! Ich versinke in der Welt des Onlineshoppings, bis mein Magen mich darauf hinweist, dass Mittag bereits lange vorbei ist. Nicht mal zum Essen kommt man! Eigentlich müsste ich meiner Blase auch mal Erleichterung verschaffen, aber ich habe die auf meinem Smartphone eingegangenen Whatsapps weder gesichtet noch beantwortet. Hm, bei Google play war ich auch noch nicht. Irgendwie wird es mir jetzt in der Küche zu dunkel und mir fällt auf, dass sich der Tag langsam seinem Ende zuneigt. Na, bis zum Schlafengehen surfe ich in den diversen Mediatheken herum. Eindeutig mal wieder einer von den Tagen, an denen man zu nichts kommt.

Alltagswunder

Gestern hängte ich – ich weiß, viel zu früh – mein Vogelhäuschen vor mein Küchenfenster. Seitdem herrscht dort ein stetiges Hin- und Herfliegen. Nun schaut mein Riesentrottelhund Satchmo gerne, die Vorderpfoten auf einem Küchenstuhl abgestützt, aus eben diesem Fenster. Zunächst schreckte er, kleiner Feigling der er ist, ob der Ufos, die an ihm vorbeisausten, derart zurück, dass es ihn von seinem Stuhlposten haute. Wie dies eben bei Ufo-Sichtungen so ist. Schließlich gewann die Neugier. Vorsichtig und jederzeit mit einem Angriff durch Laserwaffen rechnend, tastete er sich wieder hoch. Mutig, mutig, denn er war ja nur durch eine Glasscheibe von den Invasoren getrennt. So stand er da, den Kopf je nach Meisenflug hin- und herwendend und ich konnte sehen, wie es in seinem Zeitlupenhirn arbeitete. Was war das? Wo kam es her? Und, wo geht es wieder hin? Diese urmenschlichen Fragen ließen ihn mit glasigen Augen auf dem Küchenstuhl verharren. Von einem kurzfristigen Bellversuch ließen sich die geflügelten Wesen nicht einschüchtern. Durch Lecken an der Fensterscheibe stellte er zunächst einen ersten Kontakt her, was aber auch nicht so recht gewürdigt wurde und verfiel wieder in dumpfes Grübeln. Der Versuch, diese bislang unbekannten Wesen in sein Weltbild zu integrieren erschöpfte ihn sichtlich. Er drehte sich zu mir um und schaute mir intensiv in die Augen, als könnte ich ihm eine Antwort auf sein existenzielles Dilemma geben. Schließlich überkam ihn offensichtlich die Erkenntnis, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die sich ein Hundehirn niemals erträumen ließe und die ohne weitere Erklärung zu akzeptieren sind. Außerdem war Fressenszeit und da stehen andere Interessen der philosophischen Erleuchtung entgegen. Und, wie öde wäre die Welt, wenn man sich nicht ab und zu mal wunderte. Er wandte sich vom Fenster ab und seinem Fressnapf zu. Warum sollte man sich auch von einem Phänomen, dass keinerlei Auswirkung auf einen selber hat, aus der gewohnten Bahn werfen lassen?

Advent 2.0

Nun eiere ich schon den dritten Tag um meinen Weihnachtsschmuck herum. Ich meine, geistig habe ich deutlich vor Augen, wie und wo dekoriert werden muss, aber es scheitert an der Tat. Außer mir kann in unserer Familie sowieso keiner Weihnachtsdeko leiden; also was treibt mich an? Letztes Jahr hatte ich es mit Sternenstaub und verteilte Abermillionen winzig kleiner Sterne im gesamten Haus, was mir nur den Kommentar, welche Fee denn hier geplatzt wäre, einbrachte. Sternenstaub als solcher ist sehr hartnäckig. Einmal verstreut, hat man unzählige Weihnachten und sogar Ostern noch etwas davon. Außerdem verschafft man seinem Proktologen durch Verschlucken des Sternenglitzers, einen Blick auf vollkommen neue Universen. Für meinen Mann war Schluss mit lustig, als sich ein vorwitziges Sternchen auf dem Ohrenwattestäbchen befand. Okay Streuglitzer kommt in die Versuch- und Irrtum- Kiste. Der Begriff Weihnachtsschmuck ist übrigens sehr weit gefasst. Mit ein wenig Glitter versehen wird alles und jedes zum Dekoobjekt. Vom Igel bis zur Raupe, von Elchen bis zu Rentieren über Hirsche bis weihnachtlich geschmückte Hasen(!), die sich wohl in der Jahreszeit vertan haben, ist Weihnachtsschmuck das, was man dazu erklärt. So lassen sich im Flur herumfliegende Schuhe und Stiefel gerne mit dem Nikolaus erklären. Obwohl draußen wie üblich kein Winter herrscht, bekommt das Haus dadurch, dass überall Jacken hängen, einen winterlichen Touch. Man müsste jetzt nur mit Sternenglitzer … aber lassen wir das. Ach, was waren das noch Zeiten, als sich weihnachtliche Atmosphäre, einzig und allein mit einem Adventskranz und vier(!) Kerzen herstellen ließ. Am 24. kam noch der Baum dazu und fertig! Am Baum hingen Äpfel und vergoldete Nüsse und keine multifunktionalen-Led-Farbwechsel kugeln.Höchstens noch Lametta! Ich kann mich noch an den überdimensionalen Knäuel aus von etlichen Weihnachten übrig geblieben Lamettafäden erinnern, wobei es meine Aufgabe war, die Fäden zu sortieren und zu bügeln, denn weggeworfen wurde nicht! Irgendwo im Keller müsste ich doch noch …Ich stelle mir gerade vor, ich würde meine Töchter zu dieser Sysiphos-Aufgabe verdammen.Da wäre das Rätsel um die Brennbarkeit von Lametta im Handumdrehen geklärt. Jetzt kommt auch noch die Sonne heraus. Bei diesen frühlingshaften Bedingungen entfällt der Gang in den staubigen Keller.

Advent

Dieses Jahr scheinen meine Mitmenschen Weihnachten nicht abwarten zu können. Ich meine an den Hochsommerlebkuchen und an durch die Wärme schmelzende Schokoweihnachtsmänner hat man sich schon irgendwie gewöhnt, aber dass der diesjährige Weihnachtsbeleuchtungswahn bereits Anfang November um sich greift, wirkt ein wenig befremdlich, denn es müssen ja noch etliche Totenfeiertage absolviert werden. Da liegen in den Läden Grableger neben Adventsgestecken und die Angehörigen zieht es nicht zu den Grabstätten der verflossenen Lieben, sondern Richtung Weihnachtsmarkt. Ich finde, dass egal was auch immer eine gewisse Bedeutung hat, dieses nur durch strenge Terminierung, der Vorfreude und dem warten auf … erlangt. Niemand käme auf die Idee seinen Geburtstag einen Monat und die Bewirtung der Gäste gleich drei Monate vorzuverlegen. Was bereits Mitte des Jahres verwässert wird, verliert seine Bedeutung und so kann es passieren, dass man lange vor dem Datum des ersten Advents, sich quasi am Weihnachtsdekorationsgetue satt gesehen hat. Dabei geht es doch nicht darum, bei wem als Ersten das erste Lichtlein brennt, sondern dass es alle rituell gleichzeitig anzünden. Apropos Lichtlein, grade in der Vorweihnachtszeit nimmt der »Lichtsmog« überproportional zu. Bei der aller Orten aufflammenden Intensivbeleuchtung hätten die drei Weisen aus dem Morgenland keine Chance gehabt, einem Stern zu folgen, weil die Sterne neben unseren Lichtorgien verblassen und nicht sichtbar sind. Wer weiß, wohin es die Drei womöglich verschlagen hätte und wem sie dann gehuldigt hätten, wahrscheinlich den Angestellten funkelnder Supermärkte. Aber ich war ja noch beim Advent. Sonntag steht der erste bevor und ich kann und kann mich nicht dazu aufraffen, meinen Beitrag zum bunten Lichtertreiben zu leisten. Zumal ich weiß, dass, wenn mich die Dekorationswut einmal packt, ich nur schwerlich damit aufhören kann. Im Moment habe ich den Verschönerungstrieb noch gut im Griff, aber »wehe, wenn sie losgelassen«, da ist es durchaus möglich, dass die drei Weisen bei mir auf der Matte stehen.

Vorräte

Gestern habe ich meinen Gewürzschrank entrümpelt und entdeckte dabei Tütensuppen, deren Verfallsdatum in etwa meinem Geburtsdatum entsprach. Leider warf ich sie weg, dabei hätte ich sie als historische Zeugen der Anfänge pulverisierter Suppen durchaus bei eBay versteigern können -vielleicht krame ich sie ja auch wieder aus dem Müll heraus -, denn wer weiß, womöglich schlummert in einer dieser Tüten die Ursuppe, aus der alles Leben hervor ging. Was bringt mich eigentlich dazu Vorräte anzulegen? Umgeben von etlichen Supermärkten und Discountern in Steinwurfweite, in denen ich sogar zu nachtschlafender Zeit, quasi aus einem quälenden Traum heraus, in dem mir der Zucker für den Kaffee meines Mannes fehlt, eben eine Jacke über das Nachthemd geworfen, noch einkaufen gehen könnte und ich nur den Sonntag überbrücken müsste, hamstere und horte ich wie ein Eichhörnchen im Angesicht mehrerer strenger Winter. Das mag einerseits daran liegen, dass ich Produkte nur in »magischen Zahlen« wie eins, drei, fünf und sieben erwerbe – ein Tick, der leider nicht abzulegen ist – andererseits daran, dass der Anteil meiner Hamster- und Eichhörnchengene ungewöhnlich hoch ist. Eine Bekannte riet mir neulich, nach einer gewissen Zeit sämtliche Einkäufe einzustellen und so lange Mahlzeiten aus dem zu schöpfen, was sich unweigerlich ansammelt, bis alle Vorräte aufgebraucht sind. Dies wäre nicht nur eine exorbitante kreative Herausforderung, sondern brächte Zutatenkombinationen hervor, die den Speiseplan ungemein bereicherten. Außerdem hätte man immer Käse zum Überbacken zur Hand, dadurch säße ein »Notauflauf« immer drin! Hmm, demnach stünden heute Semmelknödel mit Thunfisch aus der Dose, Apfelmus und Haselnusskrokant zur Debatte. Den Vorschlag meiner Bekannten werde ich wohl nicht befolgen, denn dies ist meinem Gatten selbst mit Überbacken nicht zu verkaufen. Da muss ich wohl oder über zur Zwangsmaßnahme des limitierenden Einkaufzettels greifen. Was dort nicht steht, wird nicht gekauft und fertig! Auch wenn ich mit lechzender Zunge und zittriger Hand nach den Sonderangeboten greifen will: Vade retro Satanas!

Lebensabend

Das Phänomen der Nesthocker und Nestflüchter gibt es nicht nur im Tierreich. Nein, nirgendwo präsentiert sich diese Art von Geisteshaltung anschaulicher als beim Menschen. Nehmen wir einmal meinen Göttergatten, der ist bereits kurz nach dem Erwachen geistig nicht mehr in unserem Hause anwesend, wie Konversationsversuche meinerseits eindeutig, da ausschließlich einseitig, beweisen. Bei gemeinsamen Mahlzeiten erwäge ich ernsthaft, die Sitzfläche seines Stuhls mit Superkleber zu bestreichen, sonst sprengt es ihn quasi, den letzten Bissen noch unzerkaut im Mund, förmlich von seinem Platz und er eilt dahin, um irgendwo im Haus alt vor sich Hingammelndes, sprich altbewährtes gründlich aus der gewohnten Ordnung zu bringen. Ich bin eher so der Typ, der wenn er einmal hockt, noch mühelos stundenlang vor sich hinhocken kann, da ich weiß, dass die Welt sich auch ohne mein Dazutun weiterdreht und nicht im allgemeinen Chaos zugrunde geht. Es gibt so Getriebene, die einem Perpetuum mobile gleich, Aktion an Aktion reihen, zu Wasser durch Tauchen, zur Luft durch Fliegen und zu Lande mit dem Motorrad. Der Impetus des jetzt, sofort und auf der Stelle scheint ein unwiderstehlicher zu sein und ich rechne stündlich damit, dass mein Gatte sich mal eben zwischen zwei Bissen zum Mount Everest aufmacht, denn da war er noch nicht! Nun dämmerte mir in der letzten Woche, dass ein friedliches Dahinschlendern, ein geruhsames Seele und Beine baumeln lassen, ein träges mit sich und der Welt zufrieden sein und somit den Lebensabend in trauter Zweisamkeit zu beschließen, Nesthockern und dazugehörigen Nestflüchtern nicht vergönnt ist, es sei denn, einer von beiden ist daueralkoholisiert, am besten derjenige, der endlich einmal »runter kommen« müsste. Da mein Angetrauter zwar sehr hastig, aber dennoch gut und gerne isst, böte sich hier ein komplett neues Kochgebaren meinerseits an. Eine Ente a l`orange kann man auch mit Cointreau zubereiten. Hinterher anstatt des Expresso ein mittelgroßer Pharisäer, dazu Gebäck mit Rumtopffrüchten und »a rua is«! Ganze Kochbücher könnte ich diesbezüglich zusammenstellen und durch daueragile Rentner gestresste Hausfrauen den auch und gerade von ihnen ersehnten Ruhestand ermöglichen. Natürlich macht auch hier die Dosis das Gift, denn der Partner soll ja nicht selig schlafend auf seinem Stuhl zusammensinken, sondern endlich einmal aufrecht sitzend, zu allem ja und Amen lallen, was Frau stundenlang zu berichten und zu lamentieren hat. Ich bin ja sowieso der Meinung, die Frauen könnten weltweit ihren Valiumverbrauch auf null zurückfahren, wenn sie die Pillen, anstatt sie selbst zu schlucken, in die Getränke ihres Mannes mischten. Aber dies behalte ich mir für Stufe zwei vor.