Gedankenwelten

Laut Einstein ist es widersinnig, stets das Gleiche zu tun und trotzdem ein anderes Ergebnis zu erwarten. Ich möchte diese Aussage jetzt erweitern, denn es ist genauso widersinnig, stets das Gleiche zu denken und trotzdem ein anderes Ergebnis zu erwarten. Wobei sich Ergebnis auf die Stimmungslage bezieht. Gedankengänge sind ähnlich eingefahren wie Handlungen. Also machte ich heute Morgen die Probe aufs Exempel. Anstatt mein Gesicht beim ersten Blick in den Spiegel mit einem zerknautschten Kissen zu assoziieren, dachte ich an eine nächtliche Blüte, die sich erst im Laufe des Tages entfaltet. Beim Ergebnis des Wiegevorgangs überlegte ich, dass es von einem durchaus sympathischen Menschen wie mir ruhig etwas mehr geben sollte, und nach dem Kämmen sah ich nicht besorgt auf die in der Bürste verbliebenen Haare, sondern auf die zahllose Anzahl der noch auf dem Kopf befindlichen. Ich weiß, das hat jetzt sehr viel mit dem halbvollen und halbleeren Wasserglas zu tun, und im Grunde genommen, sollte ich mich insgesamt glücklich schätzen, dass so etwas Banales wie mein Körpergewicht überhaupt einen Platz in meinen Gedanken einnimmt. Aber so sind Frauen nun einmal. Letztens las ich in einer Studie, dass Männer, die von einer auferlegten Präsentation nur 80% Prozent vorweisen konnten, lang und breit selbstgefällig über den letztendlich überwiegenden Anteil des Erledigten referierten, während Frauen sich ausschließlich damit aufhielten, sich für die fehlenden 20% zu entschuldigen. Daraus folgere ich, dass ich dazu übergehen muss, männlich zu denken! Wenn Frau überlegt, was Mann bewegt, kommt nicht viel zusammen. Feste und flüssige Nahrung muss in ausreichender Menge zur Verfügung stehen; alles und jedes muss ohne jeden Suchaufwand parat stehen, und das männliche Ego braucht seine tägliche Portion an Streicheleinheiten, die sich aus den unterschiedlichsten Sparten ergeben kann. Hauptsache, dass am Ende des Tages die Bilanz stimmt. Der Rest kann, muss aber nicht. Der Mann an sich ist lösungsorientiert. Die Frau bewegt alles. Das reicht von Konflikten in Königshäusern bis zum Pickel auf der Nase. Die Frau ist problemorientiert. Und wenn sie keines finden kann, macht sie sich eben eines, das sie nicht gelöst haben will, sondern mit dem sie sich beschäftigen kann, was der Stimmungslage nicht sehr zuträglich ist. Einfaches Beispiel: der Toilettengang bei Festivitäten. Mann geht dort allein hin mit dem Ziel sich zu erleichtern, während Frau, da häufig zu zweit, womöglich nicht erleichtert von dort zurückkehrt, sondern mit einem Problem, das sich vorher so noch nicht stellte. Ich jedenfalls werde mir für den Rest des Tages vorstellen, ich wäre ein Mann. Mal sehen, wie sich das auf meine Befindlichkeit auswirkt. Ich rechne aber vor allen Dingen mit Langeweile.

Moral

Der neue französische Präsident Macron will die Moral in der Politik gesetzlich verankern. Ebenso löblich wie für mich verwirrend. Vielleicht bin ich ja naiv, aber ich dachte immer, das ein politisches Amt ein Mindestmaß an Moral erfordert. Schließlich erwarten Amtsträger Respekt und da wäre es doch im Gegenzug schön, wenn sie sich moralisch verhielten. Wobei mir gerade der Begriff »Ehrenamt« in den Kopf kommt. Es ist also höchst ehrenhaft, für soziale Tätigkeiten kein Entgelt zu verlangen. Es wäre dann zu dem Schluss zu kommen, dass, je intensiver das Amt pekuniär genutzt wird, umso weniger Ehre damit verbunden wäre. Auch sollte man sich dem Amte würdig erweisen, wobei offenbleibt, ob sich die Würde mit dem Amt ergibt, oder vorher bereits vorhanden sein muss, um des Amtes überhaupt habhaft zu werden. Was mich – wer hätte das gedacht – zum amerikanischen Präsidenten bringt. Da ist jetzt das höchste Amt der Welt, jedenfalls in den Augen der USA, bar jeder Würde, demnach wären Amt und Würde entkoppelt. Und wie steht es mit den geistlichen Amtsträgern? Da ist die »Seelenfischerei« in puren Machtwillen umgeschlagen, denn anders wäre das Einmischen in die Politik nicht zu erklären. Da wird die christliche Anweisung, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist und Gott zu geben, was Gottes ist ( Matth. 22:21), gerne einmal vergessen. Trotzdem wird sich gerne als »Moralwächter« aufgespielt, was jetzt komplett widersinnig ist, denn Moral beruht auf menschlichen Konventionen und nicht auf göttlichen, da Gott, so es Ihn denn gibt, nicht dazu neigt, sich zu äußern. Moral ist also wandelbar. So gehörte die Pädophilie im alten Griechenland zum guten Ton, was heute für uns in der westlichen Welt kaum noch denkbar ist. Wenn Moral nicht mehr ist, als das, was die Meisten von uns dafür halten, dann sind manche Politiker vielleicht nur ihrer Zeit voraus. Denn wenn gnadenlosnarzisstisches Verhalten zur allgemeinen Moral erklärt wird, dann werden die »Gutmenschen« zu Außenseitern. Da gibt zu denken, dass der Ausdruck »Gutmensch« zunehmend negativ konnotiert wird. So gesehen hat Macron nicht ganz unrecht, wenn er seine Gesetze formuliert, solange noch ein Funken Moral in uns existiert.

Rosa Elefanten

Wer kennt dieses Phänomen nicht? Kaum wird man aufgefordert, auf gar keinen Fall an diese Phantasiewesen zu denken, kreisen die grauen Windungen um nichts anderes mehr. Meine »Omma« pflegte dazu zu sagen. »Watt man mal im Kopp hat, hat man mal im Kopp!« Warum ist das so? Wer ist hier der Herr im Haus? Mein Gehirn oder ich? Und wenn mein ich mit meinem Gehirn identisch ist, wieso können wir uns dann nicht einigen? Gestern sah ich mir im Fernsehen einen Krimi an, konnte der Handlung aber nur mangelhaft folgen, weil sich immer wieder der noch im Gefrierschrank befindliche Eisbecher aufdrängte. Hin- und hergerissen zwischen Zufuhr und Verzicht der Kalorienbombe hätte ich den Fernseher genau so gut ausstellen können, denn ich bekam nur marginal mit, wer wen wie und warum tötete. Was soll ich sagen? Der besagte Eisbecher verfolgte mich bis ins Bett, und erst als ich mich davon überzeugt hatte, dass ich nicht zu den nächtlichen Kühlschrankräubern gehören will, konnte ich einschlafen. Aber Himmelherrgott, welche Willensanstrengung war da vonnöten! Laut Forschung liegen 350 Millisekunden zwischen der Zustandsänderung des Gehirns – was ein Beobachter registrieren kann – und dem Zeitpunkt, an dem uns dies bewusst wird. Wir begründen für uns demnach nachträglich, was das Gehirn ohne unser Wissen beschließt. Was sagt mir das jetzt? Dass mein Hirn eine Abkühlung brauchte – beim momentanen Wetter durchaus verständlich – und mir die unbändige Lust auf Eis vermittelte, die ich fälschlicherweise für meine eigene hielt. Aber halt! Dann muss mein Gehirn ja wieder seinen Zustand geändert haben, in dem es mir die Kalorienzahl mitteilte. Irgendwie schaltete es zwischen den beiden Zuständen hin und her, womit es mich fast in den Wahnsinn trieb und demnach beinahe seine eigene Auslöschung initiierte. Ergibt das einen Sinn? Sollte mein Gehirn nicht darauf programmiert sein, sich unbedingt selber zu erhalten? Und um noch einmal auf die rosa Elefanten zu kommen, was zur Hölle will mein Hirn damit? Und jetzt lese ich auch noch im Psychiatrielehrbuch »Irren ist menschlich« (24.Auflage) : »Der Mensch kann selbständig entscheiden, ob Regungen abgewiesen, aufgeschoben, verändert oder unmittelbar zur Handlung zugelassen werden, und zwar aufgrund der Überprüfung von an sich selbst gestellten Erwartungen, einem verinnerlichten Maßstab. Der Mensch ist so lange unreif oder wird für unreif gehalten, als nur die Wünsche auf seiner Seite sind, und die Entscheidungen über deren Befriedigung und Versagung jedoch auf Seiten der Außenwelt.« Was ist mit der Innenwelt, die wir ja aufgrund von 350 Millisekunden nicht im Griff haben? Es geht ja noch weiter. In meinem harmlosen Fall handelte es sich um einen Eisbecher. Was ist mit Trump? Der wird ja gerade noch eben von der Außenwelt an seinen Trieben gehindert. Wäre er demnach definitionsgemäß unreif, obwohl er rein innerlich betrachtet, was seine Egozentrik betrifft, mehr mit sich im Reinen ist als ich? Besteht Erwachsen werden darin, die kindliche Eindeutigkeit zu verlassen? Und sind notorische Schwarz-Weiß-Seher in einer frühen Entwicklungsphase stehen geblieben? Ist der Schwebezustand des ewigen Abwägens einfach nur ein Zeichen der Reife? Ich weiß es nicht. Vielleicht warte ich einfach ab, bis mein Hirn mir eine Antwort gibt. Das mit dem Eisbecher hatte sich heute Morgen ja auch erledigt.

Therapietiere

Ein neuer Geschäftszweig blüht! Gegen ordentlich bemessenen Stundenlohn werden Tiere in öffentliche Einrichtungen wie Psychiatrien und Altenheime geschleppt, damit diese die den Mitmenschen obliegenden Aufgaben wie Wärme und Nähe übernehmen. Von Eulen über Hunde über Minischweine, kein Tier kann dem Streichelwahn entkommen, dem das eigentlich gemeinte Objekt fehlt. Gerade in Bezug auf die Minischweine wurde erwähnt, dass dementielle ehemalige Bauern und Bäuerinnen aufleben, da sie ja durch die Berührung der Schweinehaut die Vergangenheit wieder aufleben lassen könnten. Welche Zielgruppe jetzt die Eulen ansprechen, kann ich nur vermuten, schlage aber den Bogen zu ehemaligen eifrigen Lesern, da die Eule ja für Weisheit steht. Da sind noch Möglichkeiten offen! Für geistig weggetretene Lehrer würde sich eine Horde Affen anbieten, was sich natürlich aufwendiger gestaltet als die tierische Rückreise für Mikrobiologen, die wären dann mit einem simplen Objektträger zufrieden. Auch die Verbringung von Elefanten für pensionierte Zirkus- oder Zoomitarbeiter in den treng getakteten Stationsablauf stelle ich mir schwierig vor. Ich rechne aber in Zukunft durchaus mit dem Anbau von Großaquarien an die Stätten der von der Gesellschaft Abgeschobenen, denn mit Delfinen schwimmen, geht immer. Für den Stundenlohn, den die »Tiertherapeuten« einfordern, könnte man zwar auch einen der Sprache mächtigen Menschen beschäftigen, wenn man mich fragt, aber mich fragt ja keiner. Tiere hätten einen direkteren Zugang zu Menschen, die sich in anderen Sphären befinden, was ich so deute, dass sich der gesunde Mensch einfach nicht die Mühe machen will. Jetzt bringe ich natürlich alle leicht esoterisch angehauchten Hundebesitzer gegen mich auf, die sich von keinem so verstanden fühlen, wie von ihrem Vierbeiner, was in erster Linie daran liegen mag, dass der Hund völlig neutral erst einmal gar nichts versteht und durch seine Natur für jeden Unsinn offen ist. Das Tier kann sich gegen das Hineininterpretieren nicht wehren. Es sei denn, es handelt sich um eine Katze, der sprichwörtlich am behaarten Hintern vorbei geht, was immer Mensch in ihr Verhalten hineindeutet. Interessanterweise gibt es meines Wissens keine Tiertherapeuten, die mit Katzen arbeiten. Woran das wohl liegt?

Allein zu Haus

Mütter sind schon eine ganz besondere Sorte Mäuse. Nach kurzer Zwischenlandung bei uns ist unsere »Große« gestern zu ihrem Freund gezogen. In dieser Zeit brachte sie mir nahe, was ich bestimmt nicht vermissen würde, wenn sie unser Haus zum zweiten Mal verließe. Aber, was soll ich sagen? Es nervt, dass ich nicht überall im Haus auf Klemmspangen trete. Beinahe wehmütig betrachtete ich den Abfluss der Dusche, der einwandfrei tat, weil ihn keinerlei ellenlange Locken verstopften. Das nicht vorhandene Chaos, das sich wie eine verschlungen verknotete Schlangenlinie vom Waschkeller über Erdgeschoss und zweite Etage bis in meinen Kleiderschrank auf den Dachboden zog, wirkte auf einmal allzu öde und und irgendwie steril. Mit einem Gefühl der Leere im Bauch werde ich wohl heute meine Garderobe aufräumen und dabei davon ausgehen können, dass die Ordnung anhält, weil keiner darin herumstöbert. Ich komme mir vor wie James Steward in dem Film »Ist das Leben nicht schön?«, der in einer zweiten Chance all das am freudigsten begrüßte, was ihn am meisten auf die Palme brachte. Vielleicht liegt es daran, dass man unentwegt in allem, was mit der Kindererziehung zu tun hat, eine Pflicht sieht, die einen davon abhält, endlich etwas Großes, Dauerhaftes zu schaffen und, wenn man plötzlich von diesen Pflichten befreit ist, erkennen muss, dass das Große und Dauerhafte eben in dieser Pflicht lag, weil man sich darauf beschränkte. Man redet sich ja gerne ein, dass Freiheit immer die »Freiheit von« ist, also etwas, das uns passieren muss. Dabei übersehen wir gerne, dass es mehr um die »Freiheit zu« geht. Etwas, das wir uns verschaffen müssen. Und so bemühen wir Gott und die Welt als Ausrede dafür, dass wir nicht zum Wesentlichen kommen. Dies verschafft uns die Erleichterung des »ich würde ja gerne, aber …« und so irrlichtern meine Gedanken und Blicke umher auf der Suche nach dem, was mich davon abhalten könnte, einen eigenen Sinn in meinem Leben zu suchen. Meine Hunde sind da zwei gute Kandidaten, denn wer, frage ich mich, ist schon in der Lage, dem ureigenen Wollen auf den Grund zu gehen, wenn da noch Haare wegzusaugen sind.

Kosmetik

Heute Morgen war mein Repairhaarshampoo leer. In meiner Not griff ich zum Duschgel meines Mannes, auf dem zu lesen stand, dass es sich für Haut und Haar eignet. Er kommt demnach mit einem einzigen Produkt aus, während meine vor-, während-, zwischen und nach der Haarwäsche einzusetzenden Tinkturen die Badablagen bevölkern. Warum ist das so? Setzt sich Männerhaar anders zusammen als Frauenhaar? Der einzige Unterschied zwischen meinem Haar und dem meines Mannes besteht in der Anzahl der noch auf dem Kopf befindlichen aktiven Follikel, was aber lediglich an den unterschiedlichen Hormonhaushalten liegt. Der direkte Vergleich von einzelnen Haaren – eine Untersuchung, die ich nach dem Duschen vornahm – ergab keine signifikanten Unterschiede. Im Grunde genommen wirkten seine Haare, die ich aus dem Waschbecken aufsammelte, insgesamt gesünder und kräftiger, als diejenigen, die ich aus meiner Haarbürste zog. Jahrzehntelange zeit- und kostenintensive Pflege erwies sich als vollkommen nutzlos. Da ich schon einmal dabei war, unterzog ich meine Gesichtshaut einer eingehenden Untersuchung, um wenigsten dort einen positiven Effekt der zahllosen Tiegel und Töpfchen mit altersstoppenden Cremes auf meiner Seite der Spiegelablage – eine Zahl, die auf der Seite meines Mann gegen null tendiert – festzustellen. Leider musste ich, indem ich mir das Gesicht meines Gatten in Erinnerung rief, ehrlich zugeben, dass sich kein Unterschied zwischen Faltenanzahl und Tiefe zeigte. Demnach hätte ich mir den unentwegten Einsatz von hautverjüngenden Mitteln sparen können. Ein Ergebnis, zu dem jede Frau kommen könnte, die einen ehrlichen Vergleich zieht. Soweit die Fakten. Dagegen stehen, was an Irrationalität kaum zu überbieten ist, die Heilsversprechen der kosmetischen Industrie. Da wird einem retouchierten Vorher-Nachher-Foto mehr geglaubt als der Realität. Und wenn der Einsatz überteuerter Pflegeprodukte auch nichts bringt, so sollte Frau sich dies wenigstens wert sein, was im Umkehrschluss bedeutet, dass sich eine Frau, die sich dafür nicht in Unkosten stürzt, für wertlos hält. Überaus kurios wird es dann, wenn mit zunehmenden Alter eins vor allen Dingen immer wertvoller wird – Zeit! Und anstatt diese in vergeblicher Liebesmüh cremend und salbend vor dem Spiegel zu verbringen, könnte man sich den wahrhaft verjüngenden Dingen widmen, wie der Bewegung und der frischen Luft. Als wahrhaftiger Jungbrunnen erwies sich, wissenschaftlich überprüft, das Tanzen. All dies kann man völlig umsonst haben. Leider sind wir alle der verqueren Ansicht, dass was nichts kostet, auch nichts bringt. Und ein teuer erkaufter »Wohlfühlfaktor« ist eben mehr wert, als ein Wohlbefinden, das sich auf natürlichem Wege einstellt.

Gemeinschaft

Manchen Psychiatern möchte man die entlassenen Worte auf der Stelle zurück in den Mund stopfen, weil sie direkt aus dem Wolkenkuckucksheim zu stammen scheinen. Ein Beispiel des Wiener Psychiaters Viktor Frankl lautet sinngemäß, dass erst der Mut zu sich selber die Angst überwindet. Machbar bislang nur für Eremiten oder Schiffbrüchige, die es mutterseelenallein auf eine einsame Insel spülte. Mit jeder Begegnung stellt sich, wie im Wort bereits enthalten, ein Gegner ein, und da es nicht in unserer Natur liegt – es sei denn, man leidet (?) unter Soziopathie – gnadenlos alles niederzutrampeln, wer oder was sich uns in den Weg stellt, da wir Lebensnotwenigerweise auf Kooperation angewiesen sind, steht der absoluten Selbstverwirklichung anscheinend die leidige Gemeinschaft entgegen. Der Reiz des Zahlenlottos liegt meiner Meinung darin, dass sich bei einem Hauptgewinn die Möglichkeit ergäbe, der zu sein, der man immer mal sein wollte, aber aus finanziellen Gründen nicht durfte. Folgerichtig müssten sich demnach alle Hauptgewinner wie die sprichwörtliche Axt im Walde benehmen, aber in den Medien lässt sich weit und breit nichts darüber finden. Was mich jetzt direkt zum bedingungslosen Grundeinkommen bringt, was den Mut zu sich selber ermöglichte, da es die blanke Existenzangst nimmt. Gegner dieser Maßnahme sehen die Menschheit in den Abgrund grenzenloser, egoistischer Faulheit stürzen, wobei völlig außer Acht gelassen wird, dass uns der Altruismus buchstäblich in den Genen steckt. Selbst kleine Kinder teilen im Experiment einen Gewinn, wenn sie sehen, dass ein Mitstreiter – wie vom Versuchsaufbau beabsichtigt – leer ausgeht. Und wer sagt denn, dass der »Mut zu sich selber« in vielen Fällen gerade nicht in gnadenloser Konkurrenz, sondern auch darin besteht, endlich einmal so gut und freundlich zu sein, wie man immer einmal sein wollte? Angst – und dazu zähle ich vor allem die Existenzangst – kennt zwei Reaktionsweisen: Kampf oder Flucht. Was zu einer Gesellschaft von Feinden oder Vermeidern führt, die Todfeinde jeder Gemeinschaft, was, wenn man dies jetzt gründlich zu Ende denkt, unausweichlich den Untergang der menschlichen Spezies bedeutet. Kooperation macht den Menschen zum Menschen. Affen kooperieren nicht, deswegen fliegen sie auch nicht zum Mond oder betreiben eine internationale Raumstation. Was mich jetzt zu der Frage bringt, ab wann der Drang zum Teilen wie er sich bei Kindern findet, zum Drang zum Raffen mutiert. Von der Natur als Teamplayer angelegt, muss doch der Moment festzumachen sein, von dem ab wir widernatürlich handeln. Ich glaube, es ist dann so weit, wenn uns – warum auch immer – eingetrichtert wird, dass wir gegen anstatt mit dem Rest der Welt zu leben haben.

Fatalismus

In der Psychologie heute stand, dass homosexuelle Paare mitnichten ähnlich lange zusammenbleiben, wie Heterosexuelle, was daran liegt, dass sie an ihre Partnerschaft höhere Ansprüche stellen. Und jetzt kommt es; ich zitiere wörtlich aus der Ausgabe vom Juni 2017. »In Heterobeziehungen hat es hingegen Tradition, dass die Partner untereinander so anspruchslos und frustrationstolerant werden, dass es beinahe schon an Fatalismus grenzt«. Das musste ich erst einmal schlucken! Liegt das Geheimnis langer Beziehungen einfach nur in bedingungsloser Kapitulation? Ist das Hinnehmen von »Macken«, die jeder von uns nun einmal hat, kein Zeichen von Zuneigung, sondern von innerer Emigration? Natürlich gibt es Dinge, für die ich meinen Partner am liebsten zum Mond schicken würde. Im Gegenzug gehe ich aber davon aus, dass es ihm mit mir nicht anders ergeht. Wer hält schon das Sonnenscheingemüt der ersten Liebe ein Leben lang durch? Gestern hatte ich es mit einer Freundin darüber, was uns jeweils auf die Palme bringt. Bei ihr war es ein nicht überkorrekt gemachtes Bett, während ich mich über schlampig aufgehängte Handtücher errege. Ihren Mann treiben unordentliche Besteckschubladen in den Wahnsinn und bei meinem Gatten gehe ich felsenfest davon aus, dass er nur mühsam mit meinen Zeitschriften- und Bücherstapeln auf dem Küchentresen klarkommt, die direkt in seinem Blickfeld liegen, so wie sein Fensterbankchaos meine Augen beleidigt. Somit steckt auch in Beziehungen der Teufel im Detail. 70% aller Ehen werden nachweislich aufgrund von unterschiedlichen Auffassungen in Bezug auf die häusliche Ordnung geschieden. Aber von Fatalismus zu sprechen, wenn ich die überall in der Wohnung verteilten gebrauchten Kleenex meiner besseren Hälfte wegräume, halte ich für übertrieben. Wenn ich mir nämlich für jede negative Marotte, eine positive vor Augen halte, dann handelt es sich im schlechtesten Fall um ein Nullsummenspiel, meistens fällt die Bilanz aber positiv aus. Ich würde hier nicht von Fatalismus, sondern von Kompromissfähigkeit reden. Was mich natürlich dazu bringt, zu fragen, warum homosexuelle Paare anscheinend weniger kompromissfähig sind als heterosexuelle. Liegt es am Wissen um das eigene Geschlecht? Den heterosexuellen Partner umweht ein stetes Geheimnis, denn so alt ich als Frau auch werde; es ist mir unmöglich, komplett in einen männlichen Verstand vorzudringen. Umgekehrt beklagte sogar Freud die Tatsache, dass er nach dreißigjähriger Berufserfahrung weit davon entfernt war, verlässliche Aussagen über die weibliche Psyche zu treffen. Liegt in der Natur der Sache, denn schließlich war er ein Mann und keine Frau. Jetzt überlege ich natürlich weiter, warum die Anzahl der Single-Haushalte in dem Maße steigt, wie diejenige dauerhafter Beziehungen sinkt. Mangel an Kompromissfähigkeit? Übertrieben idealisierte Vorstellungen davon, wie Zusammenleben funktioniert? Anerzogener Egotrip mit dem Schwerpunkt auf hemmungslosem Individualismus? Der gesellschaftliche Auftrag zu kompletter Selbstverwirklichung? Mir schwant, dass es eine Mixtur aus den Letztgenannten ist. Sich mit lebenslanger Einsamkeit abzufinden, das nenne ich Fatalismus!

Nachbarschaft

In der Sommerzeit hält nichts die deutschen Gerichte so in Atem wie Nachbarschaftsstreitigkeiten. Bei höheren Temperaturen verlässt der sich anscheinend noch immer auf steinzeitlichem Niveau befindliche deutsche Höhlenbewohner gerne einmal seine kuschelig-muffelige Behausung und macht sich auf Terrassen, Balkonen und dem makellos gepflegten Rasen breit, was zu außergewöhnlichen Begegnungen mit dem das ganze übrige Jahr nicht gesichteten Nachbarn führt. Da ist Streit geradezu vorprogrammiert, denn man will sich draußen ja irgendwie betätigen. Hochdruckreiniger, Laubbläser, Rasenmäher, Musikanlagen und Kinderplanschbecken kommen lautstark zum Einsatz und nach erfolgter Lärmbelästigung geht man zur Geruchsbelästigung mittels Grill oder Zigarette über. Gelegentlich wird sich textilfrei gesonnt, was dann zur optischen Störung der allgemein in deutschen Gärten vorherrschenden Ästhetik führt. Ich kann da nur meine eigene Nachbarschaft rechter Hand empfehlen: Scharen von Krähen. Die Krähe an sich übertrifft den Homo sapiens, was Toleranz und Intelligenz betrifft, um Längen! Ihr ist vollkommen egal, was ich wann in meinem Garten treibe. Der linksseitige Nachbar bat zwar schon einmal um die Entfernung der Krähennester, aber da er dem Intelligenzvergleich nicht standhielt, wie ich ihm mitteilte, herrscht von dieser Seite bislang Ruhe. Natürlich krächzen die Krähen, aber ich lausche doch lieber ihren, mir unverständlichen Unterhaltungen als dem nach draußen verlegten Ehestreit von Personen, die mich nicht die Bohne interessieren! Was zwischen Mensch und Tier somit wunderbar funktioniert, scheint zwischenmenschlich betrachtet, ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Und da Toleranz im Kleinen nicht praktiziert wird, wie soll sie dann im Großen zur Anwendung kommen? Was mein Nachbar zur Linken um sein Haus herum treibt, ist mir komplett egal! Mein Mann bemerkt zwar boshaft, dass es mir noch nicht einmal auffiele, wenn er sich am eigenen Balkon erhängte, woraufhin ich nur konterte, es würde mir sogar entgehen, wenn das Nachbarhaus über Nacht verschwunden wäre. Alles eine Frage des Fokus. Ich habe genug damit zu tun, mein eigenes Leben auf die Reihe zu bekommen, da fiele es mir im Traum nicht ein, mich in ein anderes Leben einzumischen. Ehrlich gesagt, jemanden, der sich über Belästigung aus dem Nachbargarten aufregt, dem ist nur zu gratulieren, da ihn keine ernsten Sorgen zu plagen scheinen. Und, wenn ich das jetzt auf die nachbarliche, sommerliche Klagewelle in Deutschland übertrage, sind wir ein Volk der Glückseligen. Wir haben es nur noch nicht gemerkt.

Ärger

Gestern war ich zu einem »vollen Geburtstag« eingeladen. Da ich solche Jubelereignisse nur schwer abkann, hatte ich die gesamte vorherige Woche schlechte Laune, weil ich davon ausging, dass ich am Tag der Feier äußerst mies gelaunt sein würde, und zwar vom Aufstehen bis zum zu Bett gehen. Was soll ich sagen? Das Einzige, was meine Stimmung trübte, war die Tatsache, dass ich mir von vorne herein einen Kopf über meine Befindlichkeit machte, denn die Feier verlief äußerst erfreulich, abgesehen davon, dass ich wegen der vorangegangenen, unangebrachten schlechten Laune, über mich selbst verärgert war. Was mich im Moment dazu bringt, einmal gründlich darüber nachzudenken, wie viel Ärger präventiv erfolgt, wie viel Ärger sich an Vergangenem aufhängt und wie nutzlos Ärger ist, der nicht einen augenblicklich gegenwärtigen Bezug besitzt. Jetzt sitze ich da und kann mich ums Verrecken nicht ärgern, weil kein aktueller Anlass besteht. Außer dem Wetter bietet sich da gerade nichts an. Okay, das morgendliche Wiegen könnte mich noch auf die Palme bringen, aber auch dies ist etwas, dass erst in der Zukunft zu ändern wäre. Wenn, so überlege ich weiter, es gelingt, den gegenwärtigen begrenzten Zeitraum komplett ärgerfrei zu halten, dann müsste sich aus der Aneinanderreihung der Momente ein Leben ergeben, in dem negative Erregung keine Rolle spielt. Theoretisch jedenfalls. Praktisch kommt gerade unser riesiger Hund durch die Hundeklappe herein, nachdem er in den regennassen Beeten wühlte und mein eben entdeckter Stoizismus ist beinahe Vergangenheit. Beinahe deswegen, weil ich die Tapsen beseitigen werde, und es allein von mir abhängt, ob ich dies verärgert oder gefühlsneutral verrichte. Alles eine Frage der Bewertung. Wenn ich alle Geschehnisse des Tages in die Kategorien: neutral, erfreulich oder ärgerlich einordne, komme ich nicht umhin, zuzugeben, dass das Meiste der Rubrik »neutral« zuzuordnen ist und ich ständig aus sprichwörtlichen Mücken, Elefanten mache. Da schaltet sogar eine Ampel auf Rot, nur um mich zu ärgern. Was natürlich daran liegt, dass ich mich für den Nabel der Welt halte und die Automatik der Lichtanlage als persönliche Verletzung empfinde. Wie oft rege ich mich im Stau darüber auf, dass sich ausgerechnet jetzt, wo ich freie Fahrt brauche, so viele andere Idioten auf meiner Fahrbahn befinden und vergesse dabei vollkommen, dass ich einer von denen bin! Ich tue ständig so, als hätte mir jemand bei meiner Geburt einen roten Teppich versprochen und beklage zeit meines Lebens, dass sich keiner findet, der ihn ausrollt. Worüber ich mich allerdings noch nie aufregte, ist die Tatsache, dass eins und eins zwei ergibt, und die Sonne grundsätzlich im Osten aufgeht. Das ist eben so. Übertragen auf meinen Hund bedeutet dies: Wenn man so ein Tier besitzt und eine Hundeklappe einbaut und es dann noch draußen regnet, gibt es Tapsen auf den Fliesen, ob ich mich nun darüber aufrege oder nicht!