Gleichheit

Gleich und gleich gesellt sich gern. Wenn dieses Gleich bedeutet, genug Knete auf der Tasche zu haben, darf man sich alles erlauben, selbst das Rauchen in geschlossenen Räumen! Meine Tochter kam unlängst aus Ischgl wieder und berichtete mir, dass die reiche Welt es nicht nötig hat, sich einem Junkie gleich in feuchte, kalte und schmutzige Ecken zu verziehen, sondern sich seine Rauchartikel in wohltemperierten Luxusbars entzündet. Erinnert mich irgendwie an die Frage, die Jack Nicholson gestellt wurde. Ein Reporter erkundigte sich, wie er denn mit dem Rauchverbot umginge. Daraufhin antwortete der, wenn ich irgendwo bin, dann raucht da einer! Geld erlaubt alles. Es enthebt einen sogar dem Problem, sich Normen und Regeln unterzuordnen. Je pissiger man sich gibt, umso beflissener die Umwelt, dem auch noch Vorschub zu leisten. Da habe ich mich fieberhaft durch Fromms »Haben oder Sein« gekämpft, bin zu dem Schluss gekommen, dass das Sein mehr wiegt, und werde minütlich eines Besseren belehrt. Alles wird zwar »ohne Ansehen der Person« geregelt, dafür aber mit kniefällig devoten Ansehen der Brieftasche. Ein Trump, der behauptet, Frauen unbesorgt an intime Stellen fassen zu können, wird diese Erfahrung zweifellos gemacht haben, da die Damen dem Reiz des Reichtums erlegen waren. Trump verwechselt zwar, dass die Hingabe nicht ihm persönlich, sondern seinem Vermögen gilt, aber belassen wir ihn ruhig in diesem Wahn. Genau wie die feine Welt in den Luxusskiorten, das Brimborium, das um sie betrieben wird, sich selber zuschreibt. Aber jeder Lakai, der sich devot vor einem vebeugt, hält immer die »Trinkgeldhand« parat!

Wertigkeiten

Bei der Pflege meines Parkettbodens im Wohnzimmer kalkuliere ich im Stundenbereich. Geht es hingegen um die freundliche Zuwendung an Haut und Haar, muss alles in Minutenschnelle erledigt sein. Hier herrscht ein offensichtliches Missverhältnis. Schließlich geht mein Parkettboden niemals vor die Tür und ist nur selten fremden Augen ausgesetzt. Ich könnte natürlich ständig ein Foto der glänzend polierten Oberfläche mit mir herumtragen und es bei verwunderten Blicken in mein faltiges, fleckiges Antlitz hochhalten, damit die Leute sehen, dass ich sehr wohl in der Lage bin, intensiv pflegerische Maßnahmen zu ergreifen. Wenn die Kloschüssel heller erstrahlt als die eigenen Zähne, ist es an der Zeit, umzudenken. Mein Körper würde es mir danken, wenn ich mich mehr um ihn kümmerte; ein Möbelstück hingegen bedankte sich noch nie bei mir. Das gleiche Prinzip gilt, wenn ein Schmerbauch hinter dem Steuer eines blitzblank polierten Autos eingeklemmt sitzt. Der Wagen Top in Schuss, der Typ darin schusselig bis zur Grenze des erträglichen. Wir scheinen Dinge mehr zu achten als unsere eigene Person und messen toten Gegenständen mehr Wert zu als uns selbst. Nach dem Motto: ich besitze, also bin ich. Vielleicht strahlt ja die Schönheit all der Dinge, die ich mein eigen nenne, ein wenig auf mich ab.

Weihnachtsschnulzen

Bei uns hängt der Haussegen schief. Obwohl ich das Haus so weihnachtlich geschmückt habe, dass Disney- World um Längen zurück bleibt, stellt sich bei mir keine Weihnachtsstimmung ein. Hier muss zu härteren Drogen gegriffen werden, dachte ich mir und ziehe mit jeden Weihnachtsschnulzenfilm rein, der jemals auf diesem Erdenrund gedreht wurde. Ich werde mir sogar das Ding mit den Nüssen und Aschenbrödel ansehen, Muss was dran sein, wenn es in der Weihnachtszeit gefühlte fünfzig mal wiederholt wird. Der Wohnzimmer- und der Küchenfernseher sind demnach besetzt, denn ich will keine Sekunde des Weihnachtsschmalzes verpassen, sollte ich einmal die Räume wechseln. Was zeitlich nicht drin sitzt wird aufgenommen und sofort nach dem Nachhause kommen konsumiert. Mein Mann zieht da nicht mit. In der ersten Adventswoche ging er mangels vernünftiger Fernsehunterhaltung schon um zwanzig Uhr zu Bett. Eine Woche später war es bereits um neunzehn Uhr verschwunden. Jetzt kommt er vor dreiundzwanzig Uhr erst gar nicht nachhause, weil sein Weib fern aller Kochtöpfe in Weihnachtsstimmung kommen muss. Da reicht es eben nicht, wenn er sich spaßeshalber ein Rentiergeweih aufsetzt. Da fühle ich mich nicht ernst genommen. Auch die Nikolausmütze fand ich sehr unpassend. Bevor er nur andeutungsweise daran denkt, noch andere Körperteile zu dekorieren, hielt ich ihm eine ausführliche Predigt über »Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Nun ist er beleidigt und die Sache mit dem Frieden wird nichts, zumindest in unserem Hause. Neulich hängte er sogar eine Preisliste für diskrete Serviceleistungen neben die Haustür, da unser Haus wie ein Puff leuchtet, wie er findet. Während ich dies schreibe, habe ich »Weihnachten für Anfänger verpasst, aber wenn ich mich nicht irre, wurde dieses Fernsehstück von mir bereits gestern aufgenommen. Also fällt der Einkauf aus, denn dies muss ich mir gleich unbedingt ansehen. Wenn ich jetzt sagen soll, ob diese Dauerberieselung hilfreich ist, merke ich noch keinen Unterschied, aber vor mir liegen noch etliche Hard-Core-Weihnachtsfilme und bis heilig Abend gebe ich nicht auf.

Ursula v.d. Leyen

»Man muss den Mut haben, Politik mehr zu erklären, … in Hauptsätzen.« Ursula v.d. Leyen. Wie arrogant geht es noch? Ist das Volk nicht in der Lage, auch dem einfachsten Nebensatz zu folgen? Seitdem ich gestern in »Hart aber fair« dieses unsägliche Zitat unserer Uschi hörte, geht es mir nicht mehr aus dem Kopf. Genau diese Einstellung, die unsere Verteidigungsministerin unverblümt verkündete, ist es, die das dumme Volk in die Arme der Rechten treibt. Jeder etablierte Politiker sollte sich, wenn es darum geht, den Erfolg der AfD zu erklären, an die eigene Brust klopfen. Auf Sardinien residieren und hier die blöden Schafe regieren. Kein Ross ist hoch genug, dass nicht eine Politikschranze aufsteigt. »Ich bin ihr Führer; ich muss ihnen folgen«, erkannte noch Napoleon ganz richtig. Aber, kaum gewählt, schon in Sphären entschwebt, die mit dem gemeinen Wahlvolk nichts mehr zu tun haben. Wie wäre es mit »Ich Tarzan, du Jane«- Information? Die müsste man doch problemlos unter das Volk bringen können. Wer, außer den »Auserwählten« versteht schon Hauptsätze mit Subjekt, Prädikat und Objekt? Von den oben erwähnten Nebensätzen ganz zu schweigen.

Postkoital

Seitdem unser Satchmo, ein großer Schweizer, letzte Woche eine Hündin der gleichen Rasse gedeckt hat, ist er nicht wiederzuerkennen. Er wimmelt und palavert nicht herum, sondern liegt dämlich grinsend auf seiner Decke, träumt in den Tag hinein und geht mir nicht auf die Nerven.Ein Oxytoxin indizierter Dämmerschlaf, wenn man so will. Die Wirkung hält jetzt fast eine Woche an und ich frage mich, warum dies nicht bei menschlichen Männchen funktioniert. Vielleicht tut es dies ja doch, aber dann wären die größten Feuerteufel der Geschichte, stets diejenigen mit dem wenigsten Sex. Man kennt es von Sportlern: vor den Wettkämpfen sind Frauen tabu, weil der Mann, wenn er siegen will, nicht adrenalin- und testosterongetränkt genug sein kann.Übermorgen kommt die Hündin seines Herzen noch einmal. Höchste Zeit also für mich, einen Feldversuch zu starten, wie lange dieser Zustand danach noch bei ihm anhält, und ob sich dies auf den Homo sapiens übertragen lässt. Ich habe schon eine Liste der Dinge erstellt, die meinem Göttergatten schonend beigebracht werden müssten. Ein Punkt wird direkt nach dem Sex zur Sprache gebracht und dann geht dies im 30- Minutentakt weiter. Mal sehen, ab wann er sich aufregt. Eine ganze Woche wie bei Satchmo wäre ideal. Bei Frauen funktioniert das nicht. Nicht das einige Herren hier auf falsche Gedanken kommen, denn Frau ist nie so erregbar und tatendurstig wie nach dem Sex. Frauen schießt direkt nach dem Orgasmus der Termin für den nächsten Hausputz oder Großeinkauf durchs Hirn! Also liebe Männer, Vorsicht bei Geständnissen!

Hörgeräte II

Heute Nachmittag muss ich zum Hörgeräteakustiker und Bericht darüber erstatten, wie zufrieden ich mit dem Gerät bin, dass mir 14 Tage zur Probe überlassen wurde. Also erstelle ich zwei Listen. Eine mit: zufrieden, weil … und eine mit Unzufrieden, weil … Ich fange mit der Zufriedenheitsliste an und als erster Punkt erscheint die Tatsache, dass ich das Gefühl habe, alle Welt schreit mich nur noch blechern an, was natürlich auch auf der anderen Liste stehen könnte. Aber egal. Zufrieden, weil ich die Fernsehlautstärke nicht mehr bis zum Anschlag hochregeln muss, was mir nicht im Geringsten auf die Nerven fällt, nur den Menschen, die gelegentlich um mich rum sind. Allerdings bleiben nuschelnde Schauspieler, nuschelnde Schauspieler, da hilft auch das größte Hörgerät der Welt nichts. Ich seh schon, so wird das nix mit meiner Positivliste. Man sieht die Hörgeräte nicht, könnte dort noch stehen, aber das passiert auch, wenn ich sie nicht einsetze. Ich kann die Geräte ausschalten, wenn mich die Gespräche um mich herum langweilen, aber da sie das in der Mehrzahl der Fälle tun, muss ich, um wegzuhören, nicht erst den Umweg über die Hörhilfen nehmen. Ich bin halt nicht gern »auf Sendung«. Ich habe jetzt immer blitzsaubere Ohren. Durch die Körbchen, die im äußeren Gehörgang sitzen, wird zwar mehr Ohrenschmalz produziert, aber mit einem Rutsch durch eben diese Körbchen beim Herausnehmen nach draußen expediert. Nun muss man in filigraner Handarbeit diese dämlichen Dinger sauber putzen- kommt ganz bestimmt auf die Negativliste. Ganz zu schweigen davon, dass ich mir beim Kämmen mehrmals am Tag die ganze Kabellage herausreiße, bei der Gelegenheit die Körbchen kontrolliere und mich als ungewaschen und ungepflegt empfinde. Meine Hunde bellen laut und häufig, auch ohne Hörgerät deutlich vernehmbar. Mit diesem Teil wird das Gekläffe überdeutlich vernehmbar, was meinen Hunden schon den einen oder anderen Klaps mit der Zeitung eingetragen hat. Andererseits, was können die Tiere für mein Hörvermögen? Dabei ist das pausenlose Jucken und Vibrieren in den Gehörgängen noch gar nicht erwähnt. Es braucht eine knappe Viertelstunde, bis die Geräte samt Kabellage an Ort und stelle sitzen. Das wieder Einsetzen der Minibatterien, dabei noch gar nicht mitberechnet. Dann habe ich sie drin und gehe mich erst einmal kämmen, mit dem zu erwarteten Ergebnis. Wenn ich dann noch ausgesprochenes Pech habe, fällt eines der Geräte herunter. Das Batteriefach öffnet sich, die Mikrobatterie springt auf Nimmerwiedersehen heraus, falls ich nicht auf Knien den gesamten Badezimmerboden absuche. Mein Hörvermögen für die Flüche, die ich dabei ausstoße, ist in beiden Ohren gleich, obwohl ich nur noch einseitig verdrahtet bin. Und ich frage mich, wem außer mir persönlich will ich schon den ganzen Tag zuhören? Ist die innere Stimme nicht die wichtigste und wird man ihrer nicht ganz ohne Hilfen gewahr? Diese innere Stimme wird mich heute Nachmittag zum Akustiker treiben und dort glasklar erklären lassen: so nicht!

Satchmo

Unser Satchmo- ein großer Schweizer Sennhund mit gewaltigen Ausmaßen- soll eine etwa halb so große Hündin der gleichen Rasse decken. In schöner Regelmäßigkeit kommt der Besitzer der Hündin bei uns vorbei, um den beiden ein Schäferstündchen zu ermöglichen. Satchmo will- und wie der will- aber die Dame gibt sich äußerst kapriziös. Erst hält sie ihm ihr Hinterteil hin, aber sobald er aufsteigen will, dreht sie sich blitzschnell um und verbeißt ihn. Unser Satch. betört von der Dame und ihrem Duft, lässt sich dies alles gefallen. Unermüdlich startet er Annäherungsversuch um Annäherungsversuch und bis zu einer bestimmten Grenze ist dieser auch erfolgreich, nur der Akt an sich bleibt ihm verwehrt. Wir, der andere Hundebesitzer und ich, stehen frierend daneben und immer, wenn man denkt, da jetzt packt er es, packt er es eben nicht, äußerst ermüdend und frustrierend das Ganze. Besonders für den armen Satchmo, der nach jedem Damenbesuch auf dem Wohnzimmerboden zusammenklappt und sich bis zum nächsten Morgen nicht mehr rührt. Wie das Tier so der Mensch, geht es mir durch den Kopf, während ich den schlafenden Satchmo betrachte. Die Hundedame ist eindeutig eine Zicke, die die Männer erst heißmacht, dann aber im letzten Moment die Reißleine zieht. So trottelig der Hund, so trottelig die Männer, die seit Urzeiten darauf hereinfallen. Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach, mag sich Satch gedacht haben, als er eine zufällig vorbeikommende Mischlingshündin bestieg. Sehr gut mein Freund, lass mal Dampf ab und heute Abend zeigen wir der Zicke die kalte Schulter. Ich vergaß, dass er ein typisches Männchen ist. Kaum, dass die Holde eingetroffen war, ließen Duft und Aussehen unseren Satch ins Denkkoma fallen. Aber, was war das? Die Eisprinzessin zeigte sich mehr als geneigt. Woran man sieht, dass es den Damen eindeutig um den richtigen Zeitpunkt geht. Ins menschliche übertragen, heißt das so viel wie, abwarten, bis sie von selber kommt.

Hausputz

Heute ist es trüb, grau und diesig. Gott sei Dank, kann ich da nur sagen. Gestern als die unbarmherzige Sonne schräg durch die Fenster fiel und man jedes Staubkörnchen einzeln erkennen konnte, nahm ich mir vor, morgen, also heute jedem dieser Körnchen den Garaus zu machen. Was soll ich sagen? Der Himmel ist bedeckt, also halte ich mich, was übertriebene Reinigungsaktionen betrifft, ebenfalls bedeckt. Was gestern um ein Haar einer Abrissbirne entgangen ist, sieht heute ganz passabel aus. Ich weiß schon, warum ich ein Fan der Dämmerung und der dunklen Jahreszeit bin. Man sieht alles in einem wohltuenden Licht. Wenn ich jetzt noch bei meiner Runde durch das Haus meine Brille absetze, kommt »Schöner Wohnen« mit diesem edlen und gepflegten Ambiente nicht mit. Unsereins setzt sich ja auch nicht mehr unter eine Neonlampe, wenn er Eindruck schinden will. Da hält man sich bei einer Veranstaltung für die schönste Frau im Saal, verschwindet einen Moment auf der Damentoilette und wird durch Neonröhre und Spiegel mit der gnadenlosen Realität konfrontiert. Den Schock muss man erstmal verdauen! Es ist wie mit den schrägen Sonnenstrahlen, jeder Makel wird auf das grausamste zur Schau gestellt. Hm, wo ist nur meine Sonnenbrille mit den geschliffenen Gläsern? Die müsste doch den Blitzputzblank- Effekt noch verstärken. Tatsächlich! Jetzt sehe ich nicht einmal mehr die Staubfäden an der Zimmerdecke, von Hundehaaren auf dem Boden ganz zu schweigen. In einem derart sauberen Haus steht Lesen und nicht putzen auf meiner Liste. Die Psychologen haben ganz recht. Bevor man sich über einen Zustand erregt, sollte man ihn in einem anderen Licht betrachten!

Sprache

Heutzutage geht man nicht mehr einkaufen, sondern shoppen. Wobei es doch einen Unterschied zwischen den beiden Begriffen gibt. Denn wer hätte je von sich behauptet, er ginge jetzt Milch shoppen? Nein gute alte Lebensmittel werden weiterhin eingekauft, während die Dinge, die hipp und trendy sind, oder wenigstens sein sollen, geshoppt werden. Hört sich auch viel zeitgemäßer an. Ich habe dies jetzt umgedreht und teile verblüfften Zuhören mit, ich würde jetzt Mehl und Eier shoppen, während ich ein Kleid käuflich erwerbe oder eben schlicht und ergreifend, einkaufe. Ähnlich ist es mit dem Verabreden. Man verabredet sich mit Oma Klärchen oder Tante Ilse; der Rest wird gedatet. Wer gibt schon zu, dass er ein Date mit einer Verwandten hat. Eine Zusammenkunft hat man mit Langweilern, mit dem Rest hat man ein Meeting. DieSprache ist da sehr genau. Wenn sich jemand mit mir treffen, statt matchen will, weiß ich genau, ich gehöre zum alten Eisen. Und wenn sich einer mit mir verabredet, statt mich zu daten, wird es langsam Zeit, sich nach einer Grabstelle umzusehen. Trotzdem bestehe ich auf meiner Einkaufszone statt Shopping mall und mache dort einen Einkaufsbummel. Wie man sieht, gibt es für alles und jedes ein deutsches Wort. Ich habe nur die Befürchtung, dass mich in zehn Jahren keiner mehr versteht. Sollte sich aus einen früheren Jahrhundert jemand zu uns verirren, er wäre nicht nur körperlich aus der Zeit gefallen. Nun ist Sprache etwas lebendiges und verändert sich ständig. Aber nicht jede Veränderung stelle gleich eine Verbesserung da.

Hörgerät

Seit gestern lebe ich in einer veränderten Welt. Ich habe ein Hörgerät bekommen und zucke, seitdem ich es einsetzte, unentwegt zusammen. Bei Zuschlagen der Fahrertür wäre ich beinahe auf den Beifahrersitz gesprungen. Ordnungsgemäß schnallte ich mich sogar an, weil mir der Warnpiepton auf die Nerven ging. Wie penetrant er ist, war mir gar nicht aufgefallen. Permanente Luftsprünge der Erschreckens begleiteten mich durch den Tag. Wussten Sie, wie laut eine Klospülung ist? Es tappt, wenn ich die Treppen hinauf gehe. Etwas lauter tappt es beim Heruntergehen. Schade, dass Herbst ist, so kann ich die positiven Seiten dieser Prothese nicht genießen, wie Vogelgezwitscher zum Beispiel. Alles ist zu laut. Die Menschen reden laut und meine Umgebung ist voller Geräusche, die seit langem ungewohnt, da nicht wahrgenommen. Will ich das überhaupt? Naja das Lippenlesen bei Fernsehfilmen ging mir zunehmend auf den Geist. Wussten Sie, wie viel Nuscheler es, außer unserem Till, unter den Schauspielern gibt? Ja, lernen die alle nicht mehr sprechen? Eitel, wie ich nun einmal bin, suchte ich mir beim Hörgeräteakustiker das kleinste Gerät aus. Bis ich dahinter kam, dass die Handhabung nur für Fingerartisten zu bewältigen ist. Also, eine, nein, zwei oder drei Nummern größer. Aber auch da pfriemele ich hilflos auf der Suche nach den Bedienknöpfen an meinen Ohren herum, bis ich das Hinterohrgerät finde. Ich stelle mir vor, ich wäre noch älter. Dann würde ich auf das gute alte Hörrohr zurückgreifen, das mir meine Familie schon seit längerem empfiehlt. Schade, ein wenig Lebensqualität geht verloren. Jetzt kann ich mich aus langweiligen Gesprächen nicht mehr mit der Ausrede ausklinken, dass ich sowieso nicht höre. Aber, warte mal! Das Ding hat doch einen Knopf zum leiser stellen; ich muss nur üben, ihn auf Anhieb zu finden. Dann habe ich die Wahl, ob ich zuhöre oder nicht. Das ist allemal besser, als vollkommen abgeschirmt zu sein!